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Die Rückwärtstaube

Die Rückwärtstaube

Sie kommt seit einigen Wintern zum Futterhäuschen in den Garten und versetzt alle in Erstaunen. Nun sind Ringeltauben nicht zwingend befähigt, in Erstaunen zu versetzen.

. Sie ähneln sich wie ein Taubenei dem anderen, es gibt sie so häufig wie Sand am Meer und ihr Beliebtheitsgrad steht dem von Unkraut im Gemüsebeet in absolut nichts nach. Diese Vögel machen einfach zuviel Unsinn und Dreck. Doch diese Taube ist sehr speziell. Optisch unterscheidet sie sich nicht von anderen Ringeltauben. Ihr Gefieder ist in adrettem Gewitterblau gehalten, im Halsbereich leuchtet als schöner Schmuck der arttypische weiße Fleck, umrahmt von schillernden Federchen in Grün und Violett. Trotzdem – etwas an dieser Taube ist anders. Sie besitzt eine verblüffende Eigenart, die sie deutlich hervorhebt aus dem blaugrauen Meer ihrer Artgenossen: Sie läuft rückwärts. Nicht dass sie ihren Gang durch gelegentliche Rückwärtsschrittchen anreichert. Nein, sie läuft rückwärts mit eiserner Konsequenz. Sie läuft immer rückwärts und niemals vorwärts. Der Grund ist nicht ersichtlich. Vielleicht ein Schaden im Differential? Sie findet einfach nicht heraus aus diesem Rückwärtsgang. In der Luft allerdings beherrscht sie exzellent den ganz normalen Vorwärtsflug.

Die Rückwärtstaube scheint unter ihrer Besonderheit nicht zu leiden. Sie ist gesund und frohen Mutes. Obwohl es für sie nie vorwärts geht. Mit Tatkraft und Optimismus stellt sie sich allen Problemen. Denn allein für die Aufnahme des Futters bedarf es einer eigenen Methodik. Ein Körnchen, nur wenige Schritte vor ihr liegend, ist für sie nicht direkt erreichbar. Und so nähert sie sich rückwärts in konzentrischen Kreisen bis zu logarithmischen Spiralen, bis ihre und die Umlaufbahn des Kornes in Kongruenz gebracht sind und sie es passgenau vorm Schnabel sieht. Rückwärtige Blicke über die Schulter helfen ihr, in der Orientierung zu bleiben. Wie man sich denken kann, benötigt so ein Verfahren Zeit und sie braucht stets viele Runden, bis der Erfolg gegeben ist. Doch das Angebot im Garten ist gut und reichlich, so dass genug für sie übrig bleibt.

Die Rückwärtstaube erscheint auch nur im Winter. Es sei denn, sie läuft im Sommer vorwärts, was nicht sehr wahrscheinlich ist. Und auch nicht nachprüfbar im anonymen Heer der Sommertauben. Möglicherweise gehört sie zu den nordischen Vertretern, die in der kalten Jahreszeit ihre Koffer packen, um diese ungemütliche Zeit weiter südlich in wärmeren Gefilden durchzustehen.

Ist es ihr frohes Wesen, ihr tapferes Annehmen des Schicksals? Jedenfalls wird sie wegen der Andersartigkeit nicht gemieden von ihren Artgenossen. Und im letzten Jahr geschah es dann. Die Rückwärtstaube fand einen Partner. In sehenswertem Balzflug stieg er vor ihr auf. Er klatschte in der Luft mit den Flügeln, er glitt in elegantem Schwung herab und lag ihr danach zu Füßen in einer inneren Haltung der tiefsten Verbundenheit. Sein raues Gurren galt nur ihr allein. Sie trafen sich auf dem Hausdach und turtelten wie die Turteltäubchen. Er verneigte sich tief vor ihr, sie animierte ihn mit kleinen Hopsern. So zelebrierten sie das ringeltäubische Hochzeitsfest. Er befand ihren Halsfleck als den weißesten von allen. Sie bedankte sich mit neckischem Flügelzittern und gab ihm hiermit das Jawort. Nach dem Regen badeten sie wunderschön gemeinsam in den Pfützen. So schön, dass es aussah wie Wasserballett. Er zeigte ihr schmackhafte Körnlein und sie kreiselte im Rückwärtsmodus freudig darauf zu.

Er läuft vorwärts wie alle anderen Tauben. Und so können sie ihr Leben nur im übertragenen Sinne Seite an Seite verbringen. Denn tritt er auf sie zu, tritt sie naturgegeben zurück. Was der Liebe keinen Abbruch tat. Sie bauten ihr Nest im Apfelbaum. Ein bisschen im Behelfsheim-Stil, aber es reichte aus, zwei Eier aufzunehmen. Das Brüten fiel der Taube leicht, denn das geschieht weder vorwärts noch rückwärts. Und als im Mai die Blütenblätter sich zu öffnen begannen, wurden zwei Jungtäubchen flügge. Sie liefen im Morgentau über die Wiese – vorwärts wie der Papa. Das Erbe ihrer Mutter hatten sie weise ausgeschlagen. Und so bleibt sie wohl einzigartig: Die Taube, die stets nur rückwärts läuft. Karin Tamcke

 

 

Karin Tamcke

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