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Tiergeschichten Ein Esel für die Führungsspitze
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15:00 16.09.2014

Das gibt ihm einen souveränen Touch, eine Aura der Gelassenheit. Doch ist in seinem Wesen auch viel Frohsinn angesiedelt und eine gute Portion Humor. Kann jemand, der eine Sprache benutzt wie das Quietschen einer Fahrradpumpe, ein ernster Charakter sein? Mag die Stimme auch seltsam klingen, sie trägt über weite Strecken, was äußerst wichtig ist, stammt man aus einer Gegend, die sich in hohen Bergen verliert. Bei Alf hat alles seinen Grund. Auch seine scheinbare Sturheit. Und wenn man sagt, er ist ein Esel, dann ist das keine Beleidigung, sondern trifft den Kern der Sache. Alf ist ein netter grauer Esel, und das mit Überzeugung. Im Unterschied zu Artgenossen, die nur vom Stall auf die Weide wechseln, ist sein Dasein höchst interessant: Alf hat einen Job. Er bekleidet einen Posten von großer Wichtigkeit.

Das war nicht immer so. Kein gerader Weg führte ihn an den Platz, den er heute innehat, er kam als Quereinsteiger. Sein Lebenslauf liest sich folgendermaßen: Alf wurde auf einem Hof geboren inmitten einer Eselherde, wie viele andere Esel auch. Seine Mutter nährte ihn, bis er groß und kräftig war, dann kaufte ihn ein Streichelzoo. Hier lernte Alf das Rüstzeug, geduldig mit Menschen umzugehen. Doch bald überkam ihn die Langeweile. Gestreichelt zu werden ist nicht zu verachten, doch wenn sich der Alltag damit erschöpft, wird das Dasein langsam öde für ein intelligentes Grautier, das die Herausforderungen sucht. Alf fühlte sich unterfordert und wurde übermütig und wechselte daraufhin in einen Pferdestall. Dort hatte er als Begleittier eine Stute zu unterhalten.

Dagegen mag nichts sprechen, zumindest nicht im ersten Moment. Es gibt ja durchaus Ähnlichkeiten in beider Erscheinungsbild, die Unterschiede sind tiefer verborgen und Alf registrierte sie genau. Ständig gab es Differenzen mit dem kapriziösen Pferd. Das zeigte sich schnell nervös und nach Pferdeart als Fluchttier, was Alf nicht verstehen mochte. Ein Esel bleibt stocksteif stehen und stellt sich der Gefahr, das hält er für viel klüger, kurze Eselbeine sind nicht zum Fliehen gedacht. Auch war die Stute schnell erschrocken, wenn Alf seine laute Stimme erhob. Und bei schlechtem Wetter blieb das törichte Pferd unklug im Regen stehen, während Alf sich fühlte wie ein nasser Wischmopp, vollgesogen mit Wasser, was so gar nicht gut sein kann für ein schönes Körpergefühl. Doch Alf arrangierte sich mit allem, auch wenn es nicht die Erfüllung wurde. Bis eines Tages die Stute, nicht mehr jung an Jahren, die irdische Weide verließ und nun im Pferdehimmel grast. Alfs Pflicht war damit erfüllt, er wurde frei für neue Wege.

Die führten ihn auf einen Hof, der einen besonderen Service bietet: Eselgestützte Seminare. Und nun begann er endlich, der spannende Lebensabschnitt, der ihn nach vorne bringen sollte. Er startete seinen Aufstieg in die Führungsriege, fühlt sich endlich am richtigen Platz. In einem Esel-Team gestaltet er dort Workshops für die Chef-Etage. Statt trockener Theorie können die Teilnehmer hier die Praxis mit den Eseln pflegen und von den Grauen lernen, um die neu erworbenen Schätze – eine andere Form der Kommunikation, Achtsamkeit und Toleranz – nutzbringend anzuwenden im Umgang mit den Mitarbeitern. Wobei Alf die Überlegung, die Kollegen mit Eseln gleichzusetzen, lustig finden könnte. Doch das ist nicht seine Art. Er stellt sich mit gebotenem Ernst in den Dienst der Sache. Gelassen zeigt er den Menschen, dass scheinbar abstruse Verhaltensweisen durchaus Berechtigung erhalten, betrachtet man sie aus anderer Sicht. Einen Esel durch eine Pfütze führen? Ein hirnloses Unterfangen, wenn die Umgebung doch trocken ist.

Alf ist nicht stur, er handelt besonnen und gleichsam unbestechlich. Er sperrt sich, wenn jemand am Zügel zerrt und reagiert auf guten Zuspruch wie ein frommes Lamm. Alf lässt die Menschen Erfolge erzielen, doch er lehrt sie auch das Scheitern. Er baut ihnen Eselsbrücken und führt sie geduldig hinüber. Doch wenn ihm jemand am Ende noch immer mit Ungeduld begegnet, dann mag er sich wohl fragen: Wer ist hier eigentlich der Esel?

Karin Tamcke

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