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Ein Graus mit der Maus

Ein Graus mit der Maus

Zuerst war es nur ein Hauch. Ein Hauch, der in meine Nase drang. Es war schon spät, ich lag im Bett und war zum Schlafen bereit. Da begann es mit dem Hauch. Undefinierbar und unangenehm.

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Doch noch nicht unerträglich. Ein Blick zu meinem Kater – er schlummerte selig im Sessel. Ihn schien kein Hauch zu stören. Ich drehte mich auf die andere Seite, hier war die Luft noch rein.

Am kommenden Morgen war es vorbei mit dem leichten Hauch. Er hatte sich über Nacht zu einer Wolke geballt, waberte auf mich herab und füllte den ganzen Raum. Auf gut Deutsch: Es stank bei mir wie die Pest. Ich glaubte, den Geruch zu erkennen. Es roch nach Maus. Nach nicht sehr frischer Maus mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Ich sprach ein Wort zu meinem Kater. Ein sehr ernstes Wort. Er sah mich unschuldig an, links unschuldiger als rechts, er hat zwei unterschiedlich gefärbte Augen und das linke blaue vermag mehr Unschuld zu vermitteln als das rechte grüne. Er saß also da und wusste von nichts. Scheinbar. Sein schneeweißes Fell unterstrich den Eindruck allumspannender Schuldlosigkeit. Er war zu keinem Geständnis bereit und auch zu keiner Leistung von Hilfe. Ich war auf mich allein gestellt.

Der Gestank einer kleinen verwesenden Maus ist um ein Vielfaches größer als der Nager selbst. Er ist sogar in der Lage, Fußböden zu durchdringen. Früher hatten wir Dachboden-Mäuse, die verirrten sich gelegentlich und krochen unter die Dielen der Räume. Sie teilten uns ihr Ableben durch eine schlimme Ausdünstung mit und wir hatten dann die Wahl, bis zur Mumifizierung zu warten, wenn die Geruchspartikel allmählich ihre Kraft einbüßten und sich endlich im Nichts verloren, oder den Fußboden hochzunehmen. Die Entscheidung traf sich von selbst. Dann kam ein Marder ins Haus, quartierte sich auf dem Dachboden ein und erledigte diskret das ganze Mäuseproblem. Nun ist mein Kater dabei, das Thema neu zu beleben. Er füllt den Nagerbestand wieder auf. Mit lebenden und abgelebten.

Es ist noch gar nicht lange her, da roch es streng hinterm Esszimmerschrank. Weit hinten unter dem Möbel schmorte eine verendete Maus. Es war nicht schwierig gewesen, die Quelle des Übels zu entsorgen. Doch nun, in meinem Schlafgemach, sah die Sache anders aus. Da mittlerweile die ganze Raumluft durchtränkt war von totem Nager, wurde es nicht einfach, den Ausgangspunkt zu lokalisierten. Da mich das üble Maus-Aroma zuerst im Bett überfallen hatte, und zwar wandseitig konzentriert, vermutete ich hier die Quelle. Nun schlafe ich nicht in einem Bett, wie man es langläufig kennt. Es hat kein Gestell auf vier Beinen, mit leichter Hand zu verrücken, sondern ist ein Einbauteil, von viel Holz umschlossen und mit der Umgebung verschraubt. Sollte sich die Maus zwischen Wand und Bett befinden, so wäre sie nur zu bergen durch den mühsamen Abbau des Mobiliars. Doch man kann es sich schon denken, mir blieb das nicht erspart. Ich werkelte und schraubte, legte das Möbelstück endlich frei und wuchtete es von der Wand. Und da lag sie tatsächlich. Die Maus hatte hinten im äußersten Eck ihr letztes Stündlein schlagen lassen.

Ich pflege sonst alle Mäuse zu retten, doch hier gab es keine Hilfe mehr. War seinerzeit mein Erstkontakt mit ausgeströmtem Mäuse-Odeur gefiltert durch die Dielenbretter, so schlug es mir hier offen und mit aller Härte entgegen. Ich barg die sterblichen Überreste und stand dann vor der Frage: Entsorgt man eine tote Maus besser in der Biotonne oder im Restmüll-Behälter? Man kann nicht für alle Mäuse ein schönes Begräbnis organisieren, mit Grabhügelchen im Garten und von Blumen umkränzt. Ich entschied mich für den Biomüll, denn sie roch sehr organisch.

Natürlich ist es mein Bemühen, im Vorfeld einzugreifen. Wenn der Kater kommt und versucht, sein Miauen durch ein Stück Fell zu pressen, das typische Miau des Triumphes, sein persönliches Halali nach erfolgreichem Mäuse-Ansitz, kann ich entsprechend reagieren, bevor eine noch agile Maus nach einem Schlupfloch sucht, um dort die Entscheidung zu treffen: weiterleben oder nicht. Das erfordert Wachsamkeit. Denn schmuggelt er sie heimlich ins Haus, liegt nichts mehr in meiner Macht. Ich kann ihm lediglich ein reduziertes Jagdglück wünschen. Doch erst gestern las ich: Es soll ein gutes Mäusejahr werden...

Karin Tamcke

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