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Tiergeschichten Ein Herz aus Stein
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14:07 20.09.2016
Quelle: Jens Büttner
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Es scheint einfach perfekt zu sein. Vier stämmige, gerade Beine, starken Säulen gleich, tragen einen Körper von vollendeter Symmetrie. Sorgfältig herausgearbeitete Löckchen umschließen den runden Leib und lassen vorschriftsmäßig Kopf und Beine frei. Die klare Zweifarbigkeit – weißer Körper, Gesicht und Beine in sanftem Dunkelgrau gehalten – wirkt auf den Betrachter beruhigend und versöhnlich. Und das ist auch dringend erwünscht, denn dieses Schaf aus Kunststein steht im Garten einer Zahnarztpraxis. Unter Berücksichtigung des Goldenen Schnittes teilt es harmonisch die Rasenfläche. Direkt vom Behandlungsstuhl fällt der Blick auf dieses Schaf, das zu signalisieren scheint: Es ist alles nicht so schlimm, ich werde immer hier stehen, unverrückbar und tröstend, mag auch der Bohrer noch so kreischen.

Dann, eines Tages, war das Kunstschaf nicht mehr allein. Eine kleine Herde grasender Doppelgänger bevölkerte den Rasen und brachte Leben in das Bild vor der Fensterscheibe. Vier Schafe aus Fleisch und Blut waren angehalten, die Gräser sorgfältig zu kürzen, was man von dem Steinschaf schlecht verlangen konnte. Anfangs verhielten sich die Schafe, wie es von ihnen erwartet wurde. Sie machten nicht viel Theater, fraßen stoisch die Gräser ab und kommunizierten auf Schafsart miteinander, die sich so diskret darstellt, dass sie für einen Menschen kaum wahrzunehmen ist. Es war ein erfreulicher Anblick, wie sich die Rasenkürzer um ihr stattliches Abbild scharten, es friedlich grasend umrundeten, auch einmal links liegen ließen, um sich dann wieder ganz zwanglos zu nähern, doch man könnte nicht behaupten, dass der künstliche Kollege großes Interesse bei ihnen weckte. Es waren mehr die zarten Rasenspitzen, die ihren Weg bestimmten. Alle, Skulptur und Schafe, hatten die gleiche Größe, helles Lockenfell, dunkle Nasen und Beine, sie unterschieden sich lediglich durch träge Lebensäußerungen auf der einen Seite und die vollkommene statische Kühle auf der anderen.

Hatte bislang das steinerne Schaf schon für sich allein beruhigend auf alles einwirken können, was verängstigt im Behandlungsstuhl saß, so erreichte nun die komplette Anzahl eine Verstärkung dessen durch den ablenkenden Aspekt. Man sah den Schafen zu, wie sie mit bedächtiger Gleichmäßigkeit Halm für Halm in ihren Mäulern verschwinden ließen, ganz leger und unaufgeregt, ein Anblick, der einige Patienten direkt in den Zustand der Trance versetzte. Somit war erreicht, was erreicht werden wollte. Die Patienten waren entspannt und die Schafe noch entspannter, wenn sie Schritt für Schritt gewissenhaft den Rasen mähten. Ja, es schien auf der ganzen Welt nichts Wichtigeres zu geben als das Kürzen der Halme, Körper an Körper, im engen Verbund der Herde.

Was hatte das eine Schaf bewogen, aus diesem Muster auszuscheren? Was war plötzlich los mit dem Schaf Mathilde? Warum verhielt es sich auf einmal nicht mehr schafskonform, so wie Dora, Margret und Irmtraut? Zuerst schien es nur ein Zufall zu sein, dass auf der einen Seite, nahe an der Steinfigur, Mathilde entschlossen graste, während der Rest der Herde die andere Rasenseite befraß. Dann war es nicht mehr zu übersehen. Mathilde bevorzugte eindeutig die Gesellschaft des leblosen Ebenbildes. Sie begann sogar, mit diesem Steinschaf zu kokettieren, selbstverständlich sehr dezent, hier ein sprechender Blick, dort eine Kopfbewegung, leicht und kaum zu bemerken, Ausbrüche von Temperament lagen nicht in ihrer Natur. Konnte es tatsächlich sein, dass Mathilde verliebt war? Verliebt in diese Skulpur? So abwegig mag das nicht erscheinen. Es gab schon Katzen, die für einen Holzlöffel schwärmten, oder einen Schwan, der einem Tretboot im Schwan-Design nicht mehr von der Seite wich. Warum sollte nicht auch ein Schaf amouröse Gefühle für sein Abbild empfinden? Sah Mathilde in diesem Objekt vielleicht einen stattlichen Widder? Diese Figur war so vollkommen, so makellos und sehr attraktiv, diese konstante Schönheit würde ein lebender Widder nie erreichen können. Und sie war lammfromm, es gab kein Stoßen und kein Rempeln.

Doch was auch immer Mathilde in dem Steinschaf gefunden hatte, es wird kein Happy End für sie geben. Mit dem Ende des Sommers, wenn die Gräser ihr Wachstum einstellen, werden auch die Schafe den Garten der Praxis verlassen, kommen zurück auf den Bauernhof. Dann muss für die arme Mathilde die Romanze leider beendet sein. Das Steinschaf wird das nicht berühren. Unbeeindruckt wird es weiter die Fläche des Rasens teilen. Denn bei aller Perfektion, was die äußere Schönheit betrifft – es hat, wie sollte es anders sein, schließlich nur ein Herz aus Stein.

Karin Tamcke

 

 

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