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Ein Kater wie Schimanski

Tiergeschichten Ein Kater wie Schimanski

Es ist wieder soweit. Vorbei die Ruhe, das beschauliche Leben in dem Fotogeschäft. Wie in den Jahren zuvor hat die Inhaberin des Ladens wieder einmal zum Casting für das fotogenste Kleintier aufgerufen. Die Bilder werden dann zur Abstimmung im Schaufenster präsentiert und die allerschönsten sollen wieder Eingang in den Jahreskalender finden.

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Quelle: Marius Becker

Es ist wieder soweit. Vorbei die Ruhe, das beschauliche Leben in dem Fotogeschäft. Zumindest vorübergehend. Die pechschwarze Lilly kräuselt unmutig ihre Stirn. Sie ist hier die Ladenkatze und kennt sich bestens aus mit dem ganzen Geschehen. Ihr Lieblingsplatz ist hoch oben im Regal, von dort beobachtet sie die Menschen, die kommen, um Fotos von sich machen zu lassen. Das geht in den meisten Fällen erfreulicherweise ruhig vonstatten, lediglich kleine Kinder erheben schon mal den Anspruch auf besondere Aufmerksamkeit, auf geduldiges Zureden und Bespaßung, damit am guten Ende von dem meuternden Sprössling ein strahlendes Abbild gemacht werden kann.

Doch das alles ist nichts gegen das Theater, das Lilly nun weise erahnt. Wie in den Jahren zuvor hat die Inhaberin des Ladens wieder einmal zum Casting für das fotogenste Kleintier aufgerufen. Alles, was sich transportieren lässt und im Idealfall sogar ein Kunststück kann, ist dazu eingeladen. Die Bilder werden dann zur Abstimmung im Schaufenster präsentiert und die allerschönsten sollen wieder Eingang in den Jahreskalender finden. So ist es bislang gewesen. Nun also hängt der Aufruf unübersehbar im Fenster. Sie lassen nicht lange auf sich warten, die stolzen Tierbesitzer. Als erstes kommt eine Frau mit einem Hamster im Käfig. Sie findet ihn ganz entzückend und schwärmt von seiner besonderen Art, das Laufrad zu bedienen. Doch der Hamster scheint keine Sprechstunde zu haben, er vergräbt sich tief in seiner Streu und macht Mittagspause. Das hilft ihm freilich nichts, er wird seinem Bett entnommen, in ein Häuschen gesetzt und man erwartet von ihm, wenigstens possierlich aus dem Fenster zu schauen, wenn er nun schon das Laufrad ignoriert. Er meistert diese Herausforderung einigermaßen zufriedenstellend, dann darf er wieder verschwinden. Sehr zu Katze Lillys Verdruss, sie hätte den kleinen Nager liebend gerne noch näher kennengelernt. Sehr, sehr viel näher. Doch als Ladenkatze weiß sie natürlich um die Regeln, und die gipfeln darin, sich niemals Kunden einzuverleiben.

Nach dem Hamster erscheint ein frecher Chihuahua, der beim Anblick von Katze Lilly sofort zu jiffeln und kreischen beginnt. Die thront auf ihrem Platz und würdigt ihn kaum eines Blickes. Vielleicht ahnt der Schreihals nicht, dass sie ihn mit einem Pfotenstreich zur Strecke bringen könnte, sollte er ihr zu nahe treten. Der Chihuahua beruhigt sich nicht, steigert sich immer mehr in eine Hysterie hinein, so dass sein verstörtes Frauchen unverrichteter Dinge mit ihm den Laden verlässt. Ist es sehr verwerflich, dass Lilly ein wenig schadenfroh blinzelt? Da sieht es mit dem Westie doch schon ganz anders aus. Der macht ein zuckersüßes Gesicht und wirkt auch allgemein sehr entspannt, vermutlich ist diese Gemütlichkeit wohl der kräftigen Rundung um seine Leibesmitte geschuldet. Es erscheinen nacheinander Kaninchen, ein Papagei, etliche Hunde und sogar ein Hängebauchschwein. Lilly beginnt zu dösen, der Tag ist noch lang und das Defilee der tierischen Kunden will kein Ende nehmen. Doch plötzlich wird sie hellwach. Ein Katzenkorb wird gebracht, aus dem schält sich etwas unwillig ein prächtiger grauer Tigerkater. Dieser Kater ist umwerfend männlich, ausgesprochen charismatisch. Er strahlt eine starke Lässigkeit aus und hat in seinem Blick viel vom Kommissar Schimanski, wer erinnert sich nicht an ihn? Katze Lilly ist fasziniert. Ihre Augen werden rund und groß. Sie erhebt sich graziös von ihrem Lager, streckt die Glieder, dehnt den Körper, macht dabei einen Katzenbuckel, von dem sie weiß, dass er ihr sehr gut steht und ihre zarte Figur gut zur Geltung bringt. Der Kater starrt zu ihr empor, Lilly sträubt ihren Schwanz zur buschigen Flaschenbürste, um ihr Hausrecht zu demonstrieren. Kater Schimanski stellt sein Fell lediglich ansatzweise auf, er ist viel zu verblüfft, hatte hier in dem Geschäft nicht mit einer so hübschen Katze gerechnet. Er legt sofort den Schalter von Unwillen auf Interesse um, knipst seine Charmeoffensive an. Lilly simuliert Desinteresse, geht in scheinbare Ruhehaltung, die Pfoten adrett vor sich gefaltet, doch ihre smaragdgrünen Augen mögen sich nicht von dem Tiger lösen. Der wird auf ein Podest gesetzt, er braucht keine Hilfsmittel, um attraktiv zu wirken. Er meistert die Foto-Session äußerst souverän, lässt dabei keinen Blick von der reizvollen Katze, und es entstehen zauberhafte und höchst sinnliche Bilder. Dann wird er zu Lillys Enttäuschung wieder im Katzenkorb verstaut und verabschiedet sich so aus ihrem Leben. Schade! Ein Seufzer verlässt die schwarz befellten Katzenbrust. Doch immerhin bleibt ihr sein Foto in dem Jahreskalender.

Karin Tamcke

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