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Tiergeschichten Ein kleines Wunder
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14:04 15.06.2017
Quelle: dpa
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Nun aber wurde mit Hochdruck losgebalzt und geklappert, was die Schnäbel aushalten konnten. Es durfte nicht mehr getrödelt werden. Auch alle anderen Vögel sangen ihre Liebeslieder, die Lethargie des Winters wurde fröhlich abgeschüttelt und war schnell vergessen. Storch Waldemar fühlte ebenfalls das Drängen nach einer netten Partnerschaft und ein paar munteren Küken, um die er sich liebevoll kümmern könnte. Er war noch jung und recht unerfahren, was ihn nicht daran hinderte, sich auf dem Wohnungsmarkt umzuschauen und nach einem Platz zu suchen, der sich für den Bau einer Kinderstube eignen würde. Mangels Partnerschaft tat er das vorerst im Alleingang. Er blickte in die Runde und fand ein nicht mehr benutztes Nest. Zugegeben, es war ein Altbau und recht renovierungsbedürftig, so wie üblicherweise die meisten Nester nach dem Winter, doch Waldemar entschied sich schnell, bevor ein Konkurrent Interesse zeigen konnte, und werkelte hingebungsvoll drauflos. Er sammelte Reisig und Äste und stopfte damit die Löcher, wobei er viele Blicke zu den Bauwerken der Kollegen schickte. Abgucken war erlaubt, wenn die große Erfahrung fehlte.

Er ackerte mehr als eine Woche, dann war die Kinderstube fertig. Kein Kunstwerk, aber akzeptabel. Nun fehlte nur noch jemand, der mit ihm die Wohnung teilen würde. Um sich herum sah er die glücklichen Paare, teils seit Jahren fest verbandelt. Die meisten Storchenweibchen hatten bereits die Eier gelegt und machten sich zum Brüten bereit. Nur Waldemar war noch solo. Ein paar nette junge Damen, ebenfalls noch zu haben, staksten um ihn herum. Es war leider vergebliche Liebesmüh. Denn nun trat es zutage: Waldemar flog nicht auf Damen. Er fühlte sich mit Macht zu Storch Lothar hingezogen und es war nicht zu übersehen, dass auch Single Lothar dem Waldemar sehr gewogen war. Sie balzten sich beide hoffnungsvoll an, pflegten sich gegenseitig das Gefieder, taten alles, was man tun muss, um einem anderen Storch zu gefallen. Bald darauf konnte man die beiden vereint im Nest hocken sehen. Dagegen war nichts einzuwenden. Doch es stellte sich schnell die Frage: Wer sollte nun die Eier legen? Waldemar? Oder vielleicht Lothar? Das Problem war offensichtlich, ihre körperliche Beschaffenheit kam ihnen gewaltig in die Quere. Möglicherweise hatten sie diesen Umstand auch anfangs gar nicht bedacht.

Sie warfen Blicke voller Sehnsucht in die benachbarten Nester, schielten verlangend auf die dort reichlich vorhandenen Eier. Doch auch das brachte sie nicht weiter. Da geschah dann eines Morgens etwas höchst Erstaunliches. Plötzlich lag unübersehbar ein Ei in ihrem Nest! Ein richtiges weißes Storchen-Ei! Wie war das möglich, wie konnte das sein? Und woher kam es? Keiner konnte es sagen, keiner hatte etwas gesehen. Man wollte ihnen nichts unterstellen, aber hatte eines der beiden Männchen woanders heimlich ein Ei entwendet? Oder war es versehentlich aus einem anderen Nest über den Rand gerollt und zum Glück nicht am Boden zerschellt, sondern weich im Reisig der Männer-WG gelandet? Die Menschen, die die Kolonie betreuten, zeigten sich sehr verblüfft über dieses Ei, das, zumindest nach biologischen Erkenntnissen, dort gar nicht liegen durfte. Es schien ein kleines Wunder zu sein. Egal – Waldemar und Lothar betrachteten es als ein Geschenk des Himmel. Sie vergeudeten keine Zeit, begannen sofort mit dem Brüten, wechselten sich ab, wendeten das Ei mit Sorgfalt, umgaben es mit liebevoller Fürsorge. Dann pickte sich nach Ablauf der vorgeschriebenen Zeit tatsächlich ein Storchenkind durch die Schale. Karlchen war geboren. Ein kerngesundes Junges! Der adoptierte Sprössling wurde rührend umhegt und in seinen stets fordernd aufgesperrten Schnabel wanderten die besten Bissen, es gab ja auch keine Konkurrenz. Termingerecht befiederte er sich und es war nicht zu übersehen, dass da ein kräftiger Bursche heranwuchs. Dank der reichlichen Nahrungszufuhr wurde er stark und selbstbewusst und überflügelte schnell die anderen jungen Störche. Ihm war es auch völlig egal, dass ihn zwei Väter umsorgten.

Wer weiß, vielleicht hätte es ohne die beiden gar kein Karlchen gegeben. Und so war alles gut, wie es war.

Karin Tamcke

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