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Eine ergiebige Ölquelle

Eine ergiebige Ölquelle

Sie hätte sie fast übersehen in der Dunkelheit. Doch dann leuchtete er auf wie ein helles Signal, dieser weiße Streifen, der das spitze Gesicht durchzog und spiegelgleich in zwei Hälften teilte.

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Gezüchtete Farbratte (Rattus norvegicus forma domestica), auch Großmaus genannt.

Quelle: web

Eine Maus? Zumindest eine sehr große Maus. Doch die vermeintliche Maus outete sich schnell als eine zierliche Ratte. Und da wilde Ratten nicht über weiße Muster verfügen, war für sie bewiesen: Hier lief eine zahme Ratte, eine Farbratte, frei herum.

Sie kannte sich aus damit, hatte schon einmal Ratten gehabt. Vertrauensvolle Tiere, die viel Freude verbreiteten, bis sie dann eines Tages ihr irdisches Dasein verließen. Nun spielte ihr das Schicksal wieder eine Ratte zu. Denn es stand für sie außer Frage, sie würde dieser Ratte ein gutes Zuhause geben. Sie schien herrenlos zu sein, war möglicherweise ausgesetzt, denn was triebe eine Ratte, die über eine Adresse verfügt, in den späten Abendstunden auf ein Tankstellengelände? Sicherlich nicht zum Tanken.

Vorsichtig fing sie den Nager ein, der sich auch gleich willig in die Höhlung ihrer Hände drückte. Die Ratte fühlte sich mager an, hatte sicherlich schon länger nichts zu fressen bekommen. Kurz entschlossen steckte sie ihren Fund in die Jackentasche. Wer ist schon darauf vorbereitet, einer zahmen Ratte zu begegnen, die einen neuen Wirkungskreis sucht? Sie war auf dem Heimweg von der Arbeit, hatte noch ein Stück zu laufen, doch ihren kleinen Begleiter schien das nicht zu stören. Die Ratte kuschelte sich zufrieden in die Tiefe der Tasche. Zuhause angekommen, zog die Ratte sichtlich beglückt in den verwaisten Käfig ein und machte sich über das Futter her, das ihr die hauseigenen Kaninchen in unfreiwilliger Großmut überlassen hatten. Sie war ein nettes Tier, ein kleines Rattenmädchen, silbergrau mit weißer Zeichnung. Diesel wurde sie genannt, angelehnt an den Fundort. Nun hatte sie ein Zuhause, wo man sich liebevoll kümmern würde.

Doch es wurde auch klar, Diesel brauchte Artgenossen zum vollsten Wohlbefinden. Ratten sind Rudeltiere. Bei Diesel war das nicht anders. Sie fragte nach im Freundeskreis, fahndete im Internet. Und knapp drei Tage später zogen vier Rattenkinder ein. Quirlig, fröhlich und selbstverständlich alles Mädels, denn Nachwuchs war nicht mehr erwünscht, fünf Ratten reichten völlig. Diesel zeigte sich zugetan, nicht immer läuft das Zusammenführen in Rattenkreisen problemfrei ab. Die Kleinen bekamen, damit es passt, Namen wie Super, Heizöl, E10 und Normal. Man kann nun nicht behaupten, dass das gängige Namen sind, doch es war auch nicht gängig, eine Ratte auf dem Areal einer Tankstelle einzusammeln.

Um die Ratten glücklich zu machen, stattete sie den Nagerkäfig mit allem Erdenklichen aus. Sie stellte Häuschen auf, bastelte Hängematten, bot Röhren zum Durchkriechen an, installierte Äste zum Klettern. Selbstverständlich gab es auch Auslauf. Sogar sehr viel Auslauf. Nun zeigten die kleinen Langschwänze, was richtige Ratten sind. Sie klauten wie die Raben, schleppten in ihr Eigenheim, was ihnen vor die Schnäuzchen kam, nagten an den Tapeten, widmeten sich Büchern auf rattenspezifische Art, perforierten die Gardinen, gruben die Zimmerpflanzen aus – und waren doch so entzückend! Sie putzten sich gegenseitig das Fell, was einfach umwerfend niedlich aussah, wuselten durch den Raum und hatten so liebe Gesichter.

Glücklich schaute sie zu, wie gut es den Ratten ging. Sie waren eine nette Bande, gerade richtig an der Zahl. Vor allem Diesel machte ihr Freude. Die verlor schnell ihre Magerkeit, wurde griffig und rundlich. Doch dann konzentrierte sich die Rundung um die Rattenmitte. War die Ratte Diesel trächtig? Damit hatte sie nicht gerechnet. Bald bestätigte sich der Verdacht durch die Geburt von sieben Kindern, sie hatte Diesel bereits schwanger in ihr Heim getragen. Sie fand die Kleinen wirklich reizend. Aber: Sie trugen rattengraues Fell! Alle! Man konnte deutlich sehen, dass der unbekannte Vater eine wilde Ratte war. Ein kleiner Schock für sie. Denn das bedeutete: Die Mixe würden zeit ihres Lebens extrem scheue Tiere bleiben und damit nicht vermittelbar. Jetzt war bei ihr die Bude voll. Zwischen Diesel, Super, Normal und E10 tummelten sich nun kleine Ratten, die im Zuge konsequenter Benennung die Namen von Tankstellen trugen. Sie hatte sich offenkundig eine ergiebige Ölquelle erschlossen.

Karin Tamcke

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