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Frohes Fest!

Frohes Fest!

Kannten nicht den Plan. Obwohl sie die Hauptrolle spielten. Sie taten lediglich, was man von ihnen verlangte. So wie sie immer taten, was man von ihnen verlangte.

Quelle: WolfDietrich Weissbach

Sie waren ahnungslos. Ihr ganzes Begehren und Handeln ging von anderen aus. Die gaben die Richtung vor. Schon von Anfang an. Die beiden Border Collies übernahmen für sie das Denken. Und die Schafe der großen Herde fügten sich ohne Wenn und Aber. So wollig wie ihr Fell war auch ihr Gemüt. Krause Gedanken zerfaserten sich schnell zu phlegmatischer Unterordnung. Sie konzentrierten sich aufs Fressen, ergaben sich der Bequemlichkeit der bellenden Fremdbestimmung. Solange sie Bestandteil einer Herde waren, zeigte sich das Dasein als Zustand der Zufriedenheit. Daher war ihnen nicht bewusst, was sie zu vollbringen hatten. Sie belasteten sich nicht mit Fragen.

Die Hunde wiederum unterstanden einer anderen Macht. Das war der Schäfer, ihr Herr und Meister. Es machte ihnen Freude, mit ihm zu kommunizieren, neue Befehle zu lernen, sie zu verinnerlichen und stets abrufbar zu halten. Sie waren geboren worden für ein geistig reges Leben. Und so konnte man vom stabilen Gerüst all dieser dienstbaren Geister auch das Große erwarten. Die lebenden Module fügten sich ineinander und waren dafür geschaffen, den Plan zur Vollendung zu bringen. Für den Schäfer selbst wurde es nicht einfach. Er trug die Last der Verantwortung am Gelingen der Idee. Doch der Gedanke war so verlockend, dass er das Neue wagen, den aufregenden Weg beschreiten wollte. Er tüftelte und probierte, durchdachte Schritte, arbeitete aus, verwarf und skizzierte neu, bis er meinte, es könnte so klappen.

Dann begann das spezielle Training mit den beiden Hunden. Sie liebten ihre Arbeit und auch die Herausforderungen. Sie übernahmen die neuen Kommandos mit froher Begeisterung. Die Schafe wunderten sich kaum. Solange sie nicht denken mussten, war die Welt für sie in Ordnung. Es gab verschiedene Areale, die sie abzugrasen hatten. Das war ihre Pflicht und die erfüllten sie mit monotoner Emsigkeit. Sie grasten auf ebenen Flächen, aber auch auf den Hügeln der bergigen Umgebung. Und immer grasten sie im Pulk. Allerdings geschah es nun, dass die Hunde begannen, die Herde zu zersprengen, einzelne Grüppchen abzuteilen. Das wollte den Schafen nicht gefallen, denn ihre Hauptaufgabe war das Bilden einer Herde. Einer intakten Herde. Folglich versuchten sie, die Grüppchen zu sabotieren und wieder zum Ganzen zusammenzufügen. Doch die beiden Hunde zeigten sich unerbittlich, weil sich auch der Schäfer unerbittlich zeigte. Er registrierte die Schwierigkeiten, doch er war nicht gewillt, die Sache aufzugeben. Die Schafe mussten sich gewöhnen. Und sie gewöhnten sich.

Bald verließ sie der Widerwille, wenn man sie auseinandertrieb. Ihnen wurden von den Hunden seltsame Wege aufgezwungen und fügsam liefen die Schafe diese sonderbaren Wege. Sie vergaßen ihren Trotz, ballten sich zu Kreisen, reihten sich zu Linien, strebten sternförmig auseinander. Die Merkwürdigkeiten gingen weiter: Über ihre wolligen Körper wurden Leibchen gezogen, auf dem Rücken bestückt mit Lämpchen. Mit vielen kleinen LEDs. Die Schafe hatten das Wundern schon lange aufgegeben. Deshalb wunderten sie sich nicht mehr über die ungewohnte Bekleidung. Auch waren die Leibchen so bequem, dass sie sie kaum spürten. Die Schafe durchschauten nichts, ließen sich aber willig leiten. Das Training wurde intensiver, der Termin rückte immer näher, dann war alles geschafft und bereit. Der Heilige Abend kam und die Menschen strömten zur Kirche. Da hielten sie plötzlich inne auf ihrem Weg zum Gotteshaus. Blickten hoch zu dem Berghang. Was war das für eine Erscheinung? Ein Meer von leuchtenden Pünktchen bewegte sich durch die Dunkelheit. Mit großem Staunen sahen die Menschen, wie sich die vielen kleinen Lichter zu einer Spirale fanden, sich wieder lösten aus dieser Form, sich gruppenweise verdichteten und blinkende Kreise schufen und wieder auseinander strebten. Und genau in dem Moment, als die Glocke zu läuten begann, ergab sich aus dem Lichtergemenge eine funkelnde Botschaft. Weithin lesbar stand auf dem Hügel, aus lebenden Lettern geformt: FROHES FEST!

Karin Tamcke

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