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Genug Mäuse für die Stadt

Tiergeschichten Genug Mäuse für die Stadt

Ein altes Rohr war das Eingangstor zum Gebäude gewesen. Wer sich als Erste(r) durchgezwängt hatte, ließ sich nicht mehr nachverfolgen. Die Mäuse, die das Gebäude bewohnten, gründeten in Windeseile alle eine stolze Mäusepopulation. Bald drangen schrille Entsetzensschreie aus etlichen menschlichen Kehlen.

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Quelle: André Kempner

Wer war die Erste gewesen, die dieses Neuland besiedelt hatte? Es ließ sich nicht mehr nachverfolgen. Doch spielt das Wissen darum überhaupt eine Rolle? Fest stand, als die Maus eines Tages, beseelt von dem Gedanken, die ausgetretenen Pfade hinter sich zu lassen, mutig ihr neues Domizil betrat und sich umzusehen begann, da gab es bereits ein paar Artverwandte in diesem großen Bau, die Spuren sprachen dafür. Das hatte für die Maus etwas überaus Beruhigendes. Wenn hier bereits andere Mäuse lebten, eröffneten sich auch für sie die ersehnten Möglichkeiten, eine große Familie zu gründen. Schließlich war das Sinn und Zweck ihres kleinen Mäusedaseins. Nun schien sie endlich am Ziel zu sein, da war sie sich recht sicher.

Sie hatte vorher auch nicht schlecht gelebt, doch war ihr der Zustand außerhalb schützender Mauern nicht als so angenehm erschienen. Hausmaus bleibt Hausmaus, die Gefahren, die draußen lauern, sind wesentlich höher einzustufen als innerhalb eines festen Gefüges von beruhigendem Stein und Beton. Ein Rohr, das aus dem Gebäude führte, war für sie das Eingangstor gewesen. Ein recht altes Rohr, heute nicht mehr im Gebrauch, doch für unsere Maus die Verlockung schlechthin. Sie hatte sich durch die Öffnung gezwängt, sich durch Staub und Spinnweben gekämpft, durch Ritzen gequetscht, war über alte Karton geklettert und auf diese beschwerliche Weise ins Innere vorgedrungen, wo ihr nun alles ungewohnt sauber und geordnet erschien. Daher begann sie, sich mit der gebührenden Vorsicht, aber dennoch frohen Mutes, die Umgebung zu erschließen. Immer ganz dicht an der Wand entlang, wieselte sie vorwärts, ging in Deckung, so oft sie es für nötig erachtete, man konnte ja nie wissen... Doch nichts Bedrohliches war zu bemerken, nichts Erschreckendes geschah. Unter ihren Sohlen erspürte sie festen Teppichboden, witterte auch den Geruch von Menschen. Da und dort traf sie auf die Hinterlassenschaften ihrer Artgenossen, was sie in dem Wissen bestärkte, hier am richtigen Platz zu sein. Zumal sie auch noch Nahrung vorfand, denn ihre Nase schickte sie zu einem steilen Behältnis, das sie nach kurzem Bestätigungs-Wittern zielstrebig erklomm. Für eine trainierte Maus war das fast eine Kleinigkeit. Sie fand zwischen vielen Bögen Papier die Reste eines Apfels und die Rinde einer Scheibe Brot, ein Festmahl für den kleinen Nager.

Es dauerte auch gar nicht lange, da kreuzte ein schmucker Mäuserich ihren erkundenden Weg. Das ließ sich ja alles prima an. Er lebte schon länger hier und führte sie ein in die vielen Annehmlichkeiten ihres neuen Zuhauses. Bald hatten die beiden ein stilles Eckchen gefunden, das sich als Kinderstube anbot. Sie entwendeten etwas Papier, es lag ja genug davon herum, und zerrupften es zu einem weichen Bett. Drei Wochen später kugelten vier nackte rosa Mäusekinder durch die Polsterung. Sie wuchsen im Zeitraffer heran, bekleideten sich mit grauem Fell und räumten bald darauf das Nest für die nächsten Geschwister, das setzte sich dann so fort, bis aus dem Mäusepaar ein schöner Bestand geworden war. Dergleichen taten die anderen Mäuse, die das Gebäude bewohnten. Sie alle gründeten in Windeseile eine stolze Mäusepopulation. Das ließ sich nicht mehr verheimlichen, denn immer öfter kam es vor, dass die Nager aus lauter Übermut ihre Vorsicht vergaßen und am helllichten Tag durch die Räume flitzten.

Die Reaktionen auf diese Lebensfreude ließen nicht auf sich warten. Man hatte den Nagern nicht gesagt, dass ihre schöne neue Heimat das Gebäude der Stadtverwaltung war. Und so drangen bald schrille Entsetzensschreie aus etlichen menschlichen Kehlen, als sich die Mäuse den Angestellten offenbarten. Nicht alle Menschen lieben die nacktbeschwanzten Wesen und speziell die weiblichen Beschäftigten taten das lautstark kund. Ja, es weigerten sich selbst einige Männer, unter den Mäusen zu wirken. Da war es natürlich angezeigt, die Nager auszuweisen. Man betraute einen Schädlingsbekämpfer mit dieser heiklen Aufgabe, der stellte Fallen auf, über die die Mäuse nur lachen konnten. Zumindest übertraf der Nachschub bei weitem die Reduzierung. Auch der Einsatz von Katzen wurde diskutiert, doch schnell wieder verworfen, man war hier schließlich nicht in Londons Downing Street No. 10, wo ein miauender „Chief Mouser" den Nagerbestand kontrolliert. Und so leben die Mäuse immer noch in Freuden in den Räumen der Stadtverwaltung und die dort arbeitenden Menschen im Status der Unzufriedenheit. Doch bei allem Ungemach: Die Stadt kann zumindest nicht mehr klagen, dass sie nicht genug Mäuse hat.

Karin Tamcke

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