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Gib mir die Kugel!

Gib mir die Kugel!

Erbarmungslos tickt die Uhr. In ein paar Minuten wird Lehmann sich beweisen müssen. Er lockert noch einmal die Gelenke, trinkt ein Schlückchen vom Wasser, das man ihm zuvorkommend reicht.

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Quelle: Barbara Munker

Dann entspannt er sich mental, begibt sich in frohe Erwartung. Lehmann ist ein Siegertyp. Kein Zweifel lässt ihn straucheln. Seine nervösen Gegner bedenkt er mit freundlichem Schwanzgewedel, wie das bei Hunden so üblich ist. Nun öffnet sich für ihn die Tür und Lehmann ist auf sich gestellt. Er weiß, die Freude wird ihn leiten.

Wie stark hat er trainiert, die Bewegungen ausgezirkelt, die Feinabstimmung vorgenommen. Bis er sich qualifizierte für die Meisterschaft. Lehmann ist ein Crack beim Billard. Keine hundetypische Sportart. Doch wurde er sehr früh an das Spiel herangeführt. Er lebt in einer Männer-WG. Seine beiden Menschen sind passionierte Billard-Spieler und so war es auch für Lehmann kein Bruch in seiner Vorstellungskraft, sich ebenfalls dem Sport mit den Kugeln zu verschreiben. Entgegen kam ihm sein Interesse an allen runden Dingen, die sich rollen lassen. Ein Leichtes war es daher, ihn in die Regeln einzuweisen. Eine Tätigkeit, die seine beiden Menschen mit gespannter Erwartung übernahmen.

Drei Jahre leben sie schon zusammen, der kleine Hund und sie. Als damals der Wunsch aufkam nach einem tierischen Gefährten, um die Beziehung abzurunden, da hatte Lehmann gute Chancen. Der neue Hund sollte pflegeleicht und reisetaschentauglich sein und keinen großen Raum verdrängen, damit er sie stets begleiten konnte, auch zu den vielen Events, denn beide sind der Kunst verhaftet. Die Wahl fiel auf den Chihuahua Lehmann mit seinem netten Wuschelfell, er erfüllte die Kriterien. Sie ließen ihn weltläufig aufwachsen, nahmen ihn mit auf Vernissagen und selbst auf Cocktailpartys. Damit der winzige Hund im Gedränge nicht verloren ging, banden sie an sein Halsband einen großen Luftballon in Form eines roten Herzens, das über der Menschenmenge schwebte und Lehmanns Erkennungszeichen wurde. Dann kam die Sache mit dem Billard, die Entwicklung war vorauszusehen.

Äußerlich verlegte sich der Hund zuerst auf reines Zuschauen und innerliches Kommentieren, doch dann begehrte er mit Macht die Kugeln, um sich aktiv einzubringen. Der Anstoß ging ihm leicht von der Pfote. Der richtige Einschlag zu den Löchern wurde ihm durch Gaben eines Leckerchen aufgezeigt, was Lehmann ein bisschen peinlich war, dokumentierte das doch deutlich sein geheim gehaltenes Laster. Bald war er in der Lage, die Kugeln spielkonform zu rollen und stellte sich der Herausforderung für die Meisterschaft der Hunde, eine spaßige Veranstaltung seines Heimatortes, die Lehmann jedoch sehr ernst nahm. Mit einem guten Bauchgefühl, nicht zuletzt der Mahlzeit geschuldet, die man ihm kredenzte, um ihn positiv vorzubereiten und auf den Wettkampf einzustimmen, betrat Lehmann frohen Mutes den grünen Filzbelag des Tisches.

Er visierte das glänzende Dreieck der bunten Kugeln an, gab einen beherzten Anstoß, spürte das Adrenalin, hetzte hinter den Kugeln her, schnell, jedoch mit hoher Konzentration, genoss die satten Laute des Berührungsklickens, erfreute sich an der Aufmerksamkeit und dem Anfeuern aus den Zuschauerreihen. Er lieferte eine gute Performance, spielte gekonnt mit Bande, schubste die Kugeln zum Tascheneinlauf und beendete das Match in einer beachtlich kurzen Zeit.

Dann kam sein größter Widersacher, dieser Zwergspitzpudel. Der spielte mit dem gleichen Elan und akustischer Untermalung, indem er bei jedem Stoß einen lauten Quiekser von sich gab, was Lehmann sehr übertrieben fand. Er versenkte die Kugeln in Windeseile und Lehmann hatte allen Grund, sich diesbezüglich Sorgen zu machen. Doch dann geschah das Malheur. Aufgrund der sich steigernden Woge von Kampfgeist und Enthusiasmus sprang eine Kugel über den Rand. Der Zwergspitzpudel setzte nach und verfolgte das flüchtende runde Ding, woraufhin er, das war keine Frage, sofort disqualifiziert werden musste. Lehmann konnte sich mit Stolz als Sieger des Wettkampfes fühlen. Sein Erfolg ging sogar durch die Medien und wenn man irgendwo im Gedränge einem Herzballon begegnet, dann ist es durchaus möglich, dass am unteren Ende ein echter Champion trippelt.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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