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Glück im Unglück

Glück im Unglück

Was hatte er bloß angestellt? Was war ihm wiederfahren? Wie hatte er es nur geschafft, sich dermaßen die Pfoten zu ruinieren? War er durch Säure gelaufen? Durch ungelöschten Kalk? Viele Fragen ohne Antwort.

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Quelle: Privat

Und der, um den es ging, hielt sich sehr bedeckt. Von ihm kam keine Erklärung, nur ein tiefes Schweigen.

Alle in der Gärtnerei kannten ihn inzwischen, den grau gestreiften Kater. Atzi hatten sie ihn getauft. Niemand wusste genau, woher er einst gekommen war. Eines Tages tauchte er auf, tigerte umher, zwischen Beeten und Gewächshaus, und ließ sich von den Angestellten mit Essensresten versorgen. Er war zugewandt und freundlich, kümmerte sich um die Mäuse, das sah er als seine Pflicht an. Dann fiel er plötzlich auf durch extremes Hinken und bei näherer Betrachtung wurde das Drama offenkundig: Die Sohlen unter seinen Pfoten waren nicht mehr vorhanden. In diesem desolaten Zustand kam er in eine Pflegestelle. Ein geräumiger Käfig wurde sein Krankenzimmer, mit allem, was er vorerst brauchte: Schlafdeckchen, Essgeschirr und WC. Brav und schicksalsergeben ließ er sich in ein Körbchen legen und in die Tierklinik fahren. Kein einziges Protest-Miau kam ihm über die Lippen. Eine engagierte Ärztin sah sich die Bescherung an und obwohl der Klinik-Chef abwinkend mit den Achseln zuckte, war sie fest entschlossen, dem Kater eine Chance zu geben. Die Pfoten wurden versorgt, mit Salbe und blauen Verbänden, auf die er ein bisschen stolz war. Jeden zweiten Tag hatte er einen Arzttermin zum Wechseln der Bandagen und äußerte keine Klage, ließ alles anstandslos geschehen, tapfer und geduldig. Er fraß gut und vertraute den Menschen, die sich um ihn sorgten.

Das kleine Wunder geschah, neue Haut begann zu wachsen und die Ballen zu bedecken, was in allen Beteiligten ein Glücksgefühl erzeugte. Auf der Fahrt zur Endkontrolle änderte er plötzlich sein Verhalten. Mit frisch besohlten Pfoten äußerte er sich zum ersten Mal zu seiner Situation. Er verweigerte sich mit Vehemenz, protestierte gegen alles, gegen die Fahrt und die Kontrolle und gegen blaue Bandagen. Er war nicht länger gewillt, das Theater mitzumachen, denn nun war er gesund. Doch wo sollte er künftig leben? Aufgrund der vernarbten Ballen war ihm der Freilauf nicht mehr gestattet. Er würde nur noch weichen Teppich unter sich fühlen dürfen. Zum Glück war in einem Nachbarort ein Platz für Problemkatzen frei geworden. In einer großen Wohnung mit Böden aus flauschigem Velours. Würde Atzi einziehen dürfen? Er schärfte sein Profil, gab den armen Kater mit bemitleidenswertem Background und bekam den Zuschlag. Es stellte sich allerdings die Frage, ob er den Wechsel vom Streuner zum Couch-Potato bejahen würde. Die Antwort blieb Atzi vorerst schuldig.

In seinem neuen Heim wurde er schon erwartet, Katze Henriette und Kater Camillo lebten hier. Nach der ersten Kontaktaufnahme hielt Atzi es für angeraten, sich einen sicheren Platz hinterm Sofa zu reservieren, was sich auch sehr gut mit seinem neuen Image vertrug. Er lebte vier Wochen hinter dem Möbel, lediglich des Nachts schlich er heimlich durch die Wohnung, um sich zu informieren. Tagsüber dachte er nach, beobachtete die neue Familie. Dann hatte er genug sinniert, analysiert und abgeschätzt. Er befand die Zeit für reif, einen Sprung auf den Sessel zu wagen. Seine Besitzer waren entzückt, sie hatten schon befürchtet, Atzi für seinen Lebensrest hinterm Sofa bewirten zu müssen. In angemessenem Tempo lebte sich der Kater ein. Er eroberte nach dem Sessel auch das Bett der Menschen. Katze Henriette nahm Atzis Anwesenheit mit freundlichem Interesse hin, Camillo zeigte sich skeptisch, doch nach kurzer Zeit fand er Zugang zu Atzis Wesen und beide vergnügten sich gemeinsam auf dem wohnungseigenen Balkon. Sie lehnten entspannt am Geländer, zwei ältere gestandene Kater, schauten über die Brüstung und pfiffen den Kätzinnen hinterher, zumindest hatte es den Anschein. Nie äußerte Atzi den Wunsch nach Freiheit, was er nach seinen Zigeunerjahren selbst erstaunlich fand. Ihn hatte stattdessen das Glück erreicht, er war für die zweite Lebenshälfte ein Kater mit festem Wohnsitz geworden und erfüllt von Zufriedenheit. Das wäre ihm ohne das Missgeschick sicherlich nie zuteilgeworden.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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