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Glück im Unglück

Tiergeschichten Glück im Unglück

Frau Meise brütete mit Ausdauer – bis der erste Frühjahrssturm übers Land fegte. Der Nistkasten fiel hart zu Boden und die zwölf angebrüteten Eier waren nicht mehr zu gebrauchen. Ein neues Nest musste schnell her, und es wurde gefunden.

Familie Meise hat mit der Aufzucht ihrer Jungvögel „alle Flügel voll“ zu tun.

Quelle: Volkmar Heinz

Leipzig. Was ist das doch für eine Arbeit! Immer und immer wieder aufs Neue! Nicht genug, dass sich in jedem Jahr die ganze Brüterei zu einer beschwerlichen Sache ausdehnt – bevor überhaupt das erste Ei gelegt werden kann, hat der Frühjahrsputz zu erfolgen. Raus aus dem Nistkasten mit der alten Bettwäsche! Danach mühsam frisch beziehen, was bei den Blaumeisen bedeutet, ein kuscheliges Nest für den Nachwuchs zu formen. All das erfordert immens viel Arbeit in der Meisen-Wohnung. Wenn man denn eine hat.

Denkt die Meisen-Frau zurück, überkommt sie noch immer das Entsetzen und es sträubt sich ihr das blaue Gefieder. Dabei hatte doch alles zwar mit etwas Aufwand, jedoch nicht unerfreulich begonnen. Nach dem üblichen Rumgebalze, ohne das es nun einmal nicht geht, hatte ihr das Männchen den Nistkasten gezeigt, der schwebte ihm als Heimstatt vor. Doch nur durch engagierten Körpereinsatz konnte der erobert werden, denn auch den ruppigen Kohlmeisen wäre der Kasten sehr recht gewesen. Die Blaumeisen bündelten ihre Kräfte, polieren den Kampfgeist auf Hochglanz, schimpften wie die Rohrspatzen, mit markig erhöhter Dezibel-Zahl. Zum Glück war das Einflugloch zu klein für die dickeren Kohlmeisen-Bäuche und die Blaumeisen blieben Sieger, wenn auch etwas unverdient. Alles lief in guten Bahnen.

Nachdem sie die Wohnung gereinigt hatte, baute Frau Meise mit Sorgfalt das Nest, was immer ein großer Aufwand ist, Blaumeisen nehmen es sehr genau mit der Raumausstattung. Da wurden Moose gestampft, Grashalme geknickt und zerbissen, Federn und Tierhaare gesammelt, es wurde gestopft, gerüttelt, gestrampelt, eine gute Woche ging für den Nestbau drauf, bis Frau Meise endlich erschöpft zwölf Eier legen konnte. Sie brütete mit Ausdauer, ohne die es auch gar nicht geht, nahm dankbar Käfer und kleine Fliegen vom aufmerksamen Ehemann an – es gab nichts zu klagen. Bis dann der erste Frühjahrssturm über die Gegend fegte. Er blies so unbarmherzig, blies Äste von den Bäumen und oftmals ganze Bäume um. Und dann pustete er auch ohne Skrupel die Meisenwohnung vom Stamm. Der Nistkasten fiel hart zu Boden, Frau Meise konnte sich zwar mit einem beherzten Sprung in die Lüfte retten, doch die ganze Arbeit und Mühe, alles war umsonst gewesen. Weder den Nistkasten noch die angebrüteten Eier konnte man noch gebrauchen.

Fehlschläge waren nichts Besonderes, auch in der Vergangenheit hatte es sie schon gegeben, damit mussten die Meisen leben. Dann erwachte stets in ihnen die Stehaufmännchen-Mentalität, es wurde wieder neu gelegt, die nächste Brut begonnen. Aber jetzt gab es nicht einmal eine Wohnung. Sie begutachteten den zerbrochenen Kasten und die Eierschalen mit wehem Meisengemüt. Dann begaben sie sich auf die Suche nach einer neuen Unterkunft. Sie flogen jedes Astloch an, umrundeten Nistkästen verschiedener Art, alles wäre ihnen recht gewesen, doch immer trafen sie auf die empörten Wohnungsinhaber. Alle möglichen Quartiere waren bereits besetzt. In der Meisenfrau begann die Sehnsucht nach Kindern zu wachsen. Es drängte sie gewaltig, neue Eier zu legen. Doch wohin damit ohne Nest? Gab es denn kein Heim mehr für sie? Sie hätte alles genommen, jede akzeptable Hütte, doch nichts kam ihr vor die Augen.

Bis dann plötzlich ein rundes Loch in ihren Fokus geriet. Und nicht nur das eine Loch, es waren gleich drei nebeneinander. Wie es der Zufall wollte, hatten die exakt die Passform für einen Meisenkörper, das sahen die Vögel sofort. Neugierig umflogen sie das interessante Objekt. Dann fasste sich Frau Meise ein Herz und schielte mit Vorsicht ins Innere. Sie konnte es kaum fassen, es war eine komfortable Höhle! Ein Fünf-Sterne-Quartier, massiver Steinbau, geschützt vor Wind und Wetter, als Extra drei Eingänge anstatt einem und offensichtlich noch nie benutzt. Die Meisen waren begeistert. Da wurde nicht lange gewartet, schnell hatten die ersten Hälmchen ihren Weg in die Höhle gefunden. Nun führen sie mit dem gebotenen Ernst das neue Brutvorhaben durch. Sie fühlen sich rundum wohl und sicher in diesem Luxus-Bau, der eine beträchtliche Verbesserung gegenüber der hölzernen Wohnung darstellt. Woher sollen sie auch wissen, dass sie in keinem Nistkasten, sondern in einem Briefkasten sitzen? Einem in die Hauswand eingelassenen Briefkasten, der zwecks Sichtkontrolle drei runde Löcher aufweist. Es ist ihnen auch nicht bewusst, dass nun außen an der Mauer ein auffälliges Hinweisschild hängt: „Achtung, brütende Vögel! Die Post bitte in den Korb daneben!“ Und so hat das Meisenpaar in dem ganzen Unglück am Ende doch beachtlich viel Glück.

Von Karin Tamcke

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