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Tiergeschichten Größen-Wahn
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21:27 08.10.2014
Quelle: dpa

Uns war nicht auf Anhieb klar, dass seine Außenwirkung doch sehr verschieden sein musste von der eines Artgenossen aus der Schoßhund-Liga. Ein Hund mit dem Stockmaß eines Ponys erzeugt nicht unbedingt bei jedem das sanfte Gefühl der Entspannung.

Nicht dass sich Cäsar gefährlich zeigte. Allein durch seine Erscheinung verwirrte er die Menschen. Cäsar war eine Deutsche Dogge und dass wir ihn dann zu uns nahmen, war dem Umstand geschuldet, dass er ein Zuhause suchte, und das besonders schnell und dringend. Wir wünschten uns sowieso einen Hund, warum also nicht diesen? Als einzig problematisch erwies sich, dass wir in einer kleinen Wohnung in der Großstadt lebten, wenn auch im Randgebiet. In einer wirklich kleinen Wohnung im zweiten Stock eines Wohnblocks. Doch unser Hausbau auf dem Lande war fast abgeschlossen, wir konnten folglich die Enge als kurzen Übergang betrachten.

Außer seiner enormen Größe zeigte sich unser Zuwachs rundum pflegeleicht. Er bellte nicht, er verhielt sich ruhig, so dass niemand im Haus bemerkte, dass wir mittlerweile auf den Hund gekommen waren. Nicht einmal unseren Flurnachbarn war das aufgefallen. Cäsar bewies eine gute Erziehung. Daher konnten wir ihn unbesorgt auch ohne Leine laufen lassen. Und wohnte er schon so beengt, sollte er wenigstens draußen so viel Freiheit wie möglich erhalten, in Ruhe die Straßenbäume abschnüffeln und an ihnen lesen, was es in Hundekreisen so zu erzählen gab. Zuerst lief alles glatt mit unserem Hausgenossen. Dann fing es allmählich an mit den kleinen Vorkommnissen, die sich aus seiner Größe ergaben. Arglos stolperten wir in ganz neue Situationen, mit denen wir nicht gerechnet hatten.

So hielt eines Tages ein Auto am Rand des Gehsteigs an und die Insassen begannen, einen Stadtplan auszubreiten. Bevor wir begriffen hatten, was sich da gerade tat, lief unser Hund auf den Wagen zu und schob durch das geöffnete Fenster seinen riesigen Kopf ins Innere des Wagens. Plötzlich kam zu den zwei Häuptern, die sich über die Karte beugten, noch ein drittes dazu, aus dem Nichts erschienen und so gar nicht menschenähnlich. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was die Leute im Auto fühlten. Doch nach einigen Schrecksekunden brachten wir unseren Hund sofort auf Abstands-Kurs. Von Spätfolgen wurde uns nichts berichtet.

Da hatte ein weiteres Ereignis eine andere Dimension. Wir kamen vom Spaziergang heim und der Hund lief wie immer voraus, er kannte nach kurzer Zeit den Weg und wartete stets vor der Haustür. Nun traf es sich an diesem Tag, dass unser Flurnachbar zur selben Zeit nach Hause kam. Es standen folglich vor dem Eingang der Mann und unser Hund, was bei dem Mann Verwirrung und möglicherweise Beklemmung hervorrief. Bevor wir selbst das Haus erreichten, klingelte der Nachbar oben bei seiner Frau, die betätigte den Summer, öffnete in froher Erwartung vorsorglich auch ihre Wohnungstür und richtete weiter in der Küche das Abendbrot für den lieben Gatten. Wir sahen hilflos zu, wie Cäsar mit dem Nachbarn durch die sich öffnende Haustür entschwand.

Nun hat ein Hund vier Beine und der Mensch nur zwei, folglich nahm Cäsar die Treppen in wesentlich kürzerer Zeit, bog im richtigen Stockwerk ab, sah neben unserer eigenen Tür die der Nachbarwohnung, die einladend offenstand... Die Frau, ganz in den Kochvorgang versunken, vernahm hinter sich die nahenden Schritte, richtete ein paar Worte an den vermeintlichen Ehemann, erhielt keine erschöpfende Antwort, was sie dazu veranlasste, über die Schulter nach hinten zu blicken. Was denkt man, wenn man den Gatten erwartet und dann in der eigenen Küche einem halben Kalb gegenübersteht? „Wie hast du dich verändert?" mag im ersten Augenblick ihr Empfinden gewesen sein, bevor sie das Wissen überfiel, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Vielleicht eine Wahnvorstellung? Oder ein böser Traum? Sie bewies zum Glück Humor, als wir alles erklärten und unseren Hund vorstellten. Wir konnten uns nur entschuldigen. Und dann begriffen wir endlich, dass man als Doggen-Besitzer auf alles gefasst sein muss.

Karin Tamcke

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