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Große Gefühle

Große Gefühle

Er war ein sympathischer Typ. Groß, schlank, mit ausdrucksvollem Mienenspiel und einem milden Wesen. Wen wunderte es, dass er ihr gefiel? Sie war klein und zierlich und von rassigem Temperament.

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Quelle: dpa

Ihr rotes Seidenhaar fiel in lockeren Wellen. Dunkle Augen blitzten keck. Wen wundert es, dass sie ihm gefiel? Er, das war unsere Dogge Cäsar. Und sie, Trixi, seine große Liebe.

Schon immer hatte in uns ein spezieller Wunsch geschlummert. Der Wunsch nach einem Hund. Als wir dann beschlossen, künftig unser Leben zwischen Wald und Wiesen zu verbringen, sprich aus der Stadt aufs Land zu ziehen, stand der Erfüllung nichts mehr im Wege. So kam dann Cäsar zu uns, ein gelber Doggenrüde. Ein Riese mit dem sanftesten Gemüt, das man sich vorstellen kann. Ganz besonders behutsam ging er mit Artgenossen um, die wesentlich kleiner waren. Wobei das naturgemäß die meisten Hunde betraf. Selbst jedem frechen Kläffer begegnete er mit Langmut und Güte. Zu befürchten hatte er sowieso nichts, seine enorme Größe war Abschreckung genug. Die meisten Nachbarshunde wurden auch schnell seine Freunde.

Jeder Dorfbewohner kannte unseren Hund, was nicht verwunderlich war. Eine Dogge kann man nicht verstecken. Verließen wir den Ort, war er schnell die Attraktion. Staunend und manchmal auch ängstlich blieben die Menschen stehen. Hundebesitzer versuchten, ihre Lieblinge zu retten, doch gab Cäsar selbst die Entwarnung, indem er sich friedlich näherte. Und wenn dann der eine oder andere Pinscher Slalom lief um Cäsars lange Beine, die dem Kleinen vorkommen mussten wie die Säulen einer Kathedrale, und sich unser gutmütiger Hund herab neigte zu dem Winzling mit nichts als Freundlichkeit im Blick, dann wurden nicht selten Foto- und Filmkameras gezückt. Cäsar hingegen machte sich nichts aus der Aufmerksamkeit. Er nahm seine auffällige Größe als gegeben hin.

Sein Leben verlief in beruhigendem Gleichmaß. Er hatte seine Familie und ein geräumiges Haus mit Garten. Alles ging seinen guten, unaufgeregten Gang. Dann geschah es eines Tages, dass unser Nachbarhaus einen Besitzerwechsel erfuhr. Und mit den neuen Bewohnern trat etwas Neues in Cäsars Leben. Etwas noch nie Dagewesenes. Etwas Aufregendes, Überwältigendes. Auf der Bildfläche seines Hundelebens erschien Trixi von der Narzissenwiese. Sie war eine Schönheit von edlem Geblüt und frohem Gemüt. Und Cäsar verfiel spontan in tiefe Liebe zu ihr. Er, der riesige Doggenrüde, verliebte sich unsterblich in eine Zwergdackeldame. Seiner Größe angepasst waren auch die Gefühle. Er sah ihr verzückt und entrückt in die blanken Hundeaugen, wobei er, wie man sich denken kann, den Kopf tief niederbeugen musste. Sie blickte bewundernd zu ihm auf, wobei sie, wie man sich denken kann, sehr hoch aufblicken musste. Sie waren ein amüsantes Paar, er so groß, sie so klein. Doch spielt das eine Rolle, wenn es um echte Zuneigung geht?

Schon morgens, wenn Cäsar Auslass erhielt, zwängte er sich durch die Hecke, die unsere Gärten trennte. Geduldig stand er vor Trixis Haus, bis sie ihm endlich entgegen kam. Er brachte ihr sein Spielbällchen mit und manchmal sogar einen Knochen. Sie lagen dicht an dicht im Gras und führten Hundegespräche, wobei das Dackelchen fast verschwand zwischen den großen Doggenpfoten. Doch als Trixi Vermehrungsbereitschaft zeigte, waren beide nicht fähig, den letzten Schritt zu vollziehen. Aufgrund des Größenunterschiedes musste die Liebe platonisch bleiben. Wenn schon keine vollwertige Ehe, so wurde Cäsar doch zumindest zu Trixis Bodyguard und hielt, wenn auch unbewusst, aufgrund seiner imposanten Erscheinung alle Nebenbuhler fern. Trixis Besitzern konnte das alles nur recht sein, sie wussten ihr Schätzchen geschützt und beschützt, wenn Cäsar in der Nähe war.

Eines Tages säumte ein Absperrband die Einfahrt zu Trixis Haus. Für unseren Hund ein lächerliches Hindernis, das er mühelos überstieg. Warum sollte es ihn auch interessieren, dass eine Treppe gegossen wurde. Sorglos trabte Cäsar über den feuchten Beton und hinterließ seine Spuren im aufnahmebereiten Untergrund. So zementierte er seine Gefühle, für alle sichtbar auf den Stufen vorm Haus der Angebeteten. Beide sind längst im Hundehimmel. Doch die Abdrücke riesiger Pfoten zeugen noch heute von dieser Hundeliebe.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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