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Ihr Bodyguard

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Ja, er ist sehr attraktiv, dieser Hahn Karl-Werner. Kein Wunder, dass ihn die Hennen verehren. Es hätte alles ganz nett sein können, wäre da nicht der Albrecht gewesen, Karl-Werners großer Nebenbuhler.

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Quelle: André Kempner

Er ist schon ein prächtiges Kerlchen. Groß, kräftig, mit glänzendem Gefieder bestückt. Schwarze Federn bedecken Oberschenkel und Bauch, als trüge er Knickerbocker-Hosen, sie gehen am Brustlatz über in ein leuchtendes Orange, das sich über den Rücken zieht, auch rostrote Teile zulässt und ein paar leuchtend gelbe Streifen. Aus dem Bürzel entspringt eine Kaskade langer schwarzer Federn, sichelförmig nach unten gebogen, und wenn sich auf ihnen das Sonnenlicht fängt, beginnen sie, blau und grün zu schillern. Ja, er ist sehr attraktiv, dieser Hahn Karl-Werner. Wie er stolz den Kopf trägt, mit einem lässigen Ruck den tomatenroten Kamm auf die andere Seite wirft, den Hals beim Krähen steil in den Himmel reckt als Zeichen seiner Stärke! Und wie er elegant seinen Kratzfuß macht! Kein Wunder, dass ihn die Hennen verehren. Ihnen werden die Knie weich und sie gehen vor ihm in den Staub, ohne dass er sie auffordern muss. Karl-Werner ist der umschwärmte Herrscher in seinem gefiederten Harem. Seine sieben Hennen umflattern ihn verzückt, bewundern ihn über alle Maßen, wenn er ihnen fürsorglich ein fettes Würmchen zeigt. Vor allem sind sie angefüllt mit großer Dankbarkeit, weil er sie so ritterlich vor den schwarzen Feinden beschützt. Das wird auch von ihm erwartet, deshalb ist er gekommen.

Die kleine Hühnerschar lebt in einem Garten und führt hier ein Leben in Freiheit, wie es sich viele Hühner nur erträumen können. Sie dürfen scharren und gackern, ihre Eier legen und auch manchmal Küken erbrüten und ahnen vermutlich nicht, wie privilegiert sie sind. Wären da nur nicht diese Krähen! Doch nun ist Karl-Werner bei ihnen, ihr stattlicher Bodyguard. Sein früheres Leben fand auf einem Bauernhof statt. Es hatte ihm nicht schlecht gefallen inmitten der fünfundzwanzig Hennen, die dort fleißig Eier legten, die die Bäuerin verkaufte oder zu Küken werden ließ. Auch Karl-Werner war hier aus dem Ei geschlüpft. Es hätte alles ganz nett sein können, wäre da nicht der Albrecht gewesen, Karl-Werners großer Nebenbuhler. Albrecht war ein Versehen, er wurde als Küken nicht als das erkannt, was er nun einmal war, wurde als weiblich eingeordnet und man erwartete von ihm zu gegebener Zeit ebenfalls viele Eier. Damit wurde es natürlich nichts, wie man sich denken kann. Dann entdeckte man den Irrtum und Albrecht blieb als Zweithahn da. Es hätte klappen können mit den beiden Gockeln, jedoch erwiesen sie sich als wenig kollegial, keiner hatte das Bedürfnis, sich unterordnen zu wollen. Ständig gab es Kämpfe zwischen den aufgebrachten Hähnen, die Hennen vergaßen vor Schreck das Legen, wenn sich die Kontrahenten aufeinanderstürzten, dass die Federn nur so flogen. Schon beim ersten Sonnenstrahl krähten sie im Doppelpack, begann der eine Hahn, konnte der andere nicht schweigen, das wäre für ihn zu blamabel gewesen. Doch damit war es nicht getan, auch tagsüber mussten sie ständig bekunden, wer der Herr auf dem Hofe ist, und setzten ihren Wettstreit fort. Die Nachbarn beschwerten sich bereits über den dauerhaften Lärm.

Als Lösung bot sich natürlich die radikalste Variante an und fast wäre es auch dazu gekommen. Dagegen ging es ein Dorf weiter doch recht leise zu inmitten einer Hühnerschar. Kein Hahn übernahm den Weckdienst, weil es keinen gab. Das wurde von den Haltern vorerst nicht als Manko empfunden und auch die Hühner selbst zeigten sich recht zufrieden, zumindest taten sie so, und legten deshalb nicht weniger Eier. Bis sich dann ganz plötzlich eine schlimme Situation ergab, die das friedliche Klima ganz entschieden veränderte. Ein Krähenpaar hatte beschlossen, seinen Speiseplan zu verfeinern, und zwar durch zartes Hühnchenfleisch. Es kam nun regelmäßig vor, dass die Reihen der jungen Hennen auf erschreckende Weise durch den Raub einer Artgenossin brutal gelichtet wurden. Was war zu tun? Den Hühnern den Freilauf zu nehmen, wollte nicht verantwortet werden. Sie brauchten einen wirksamen Schutz. Sie brauchten einen kräftigen Hahn, unerschrocken und kampfbereit. Der sollte es schon schaffen, die schwarzen Räuber zu vertreiben. Eine entsprechende Stellenanzeige wurde ins Heimatblatt gesetzt. Es gingen auch etliche Bewerbungen ein. Doch die Kandidaten waren eher schwächlich, man traute ihnen nicht zu, der Krähen-Mafia zu trotzen. Bis der Hilferuf auch zu den Besitzern der beiden Streithähne drang. Statt Albrecht in den Suppentopf, schickten sie nun Karl-Werner in den Nachbarort zu den schutzbedürftigen Hennen. Seitdem ist er dort Hahn im Korb. Die Hennen sind entzückt von ihm, er ist ihr großer Held. Und die räuberischen Krähen haben allein bei seinem Anblick prompt das Weite gesucht.

Karin Tamcke

 

 

 

 

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