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Tiergeschichten Ihr großer Schwarm
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13:49 22.05.2014
Quelle: Gunter Hantschmann

Über ihrem Kopf ballte sich eine Wolke, die in dem Maße anwuchs, wie auch der Lärm zunahm. Erschrocken verließ sie in Eile den Garten, um dann vom sicheren Standpunkt ihres Küchenfensters das Geschehen einzuordnen. Im Anflug war ein Insektenschwarm, riesengroß und unheimlich, ihr war noch nie so etwas begegnet.

Einige aus dem Fluggeschwader landeten an der Fensterscheibe und sie konnte sehen, dass es Bienen waren. Tausende der Honigsammler hatten sich auf den Weg gemacht und flogen nun um die große Kiefer. Offensichtlich hatte jemand die Parole zur Landung ausgegeben, denn die Flieger begannen, einer nach dem anderen, die Kiefer zu besetzen, sammelten sich am dicksten Ast und fanden zu einer Traube zusammen, die immer größer wurde. Ein Wust aus grauen Leibern, die wimmelten und drängten. Ihr wurde angst und bange beim Anblick der wuselnden Krabbeltiere. So ein großer Bienenschwarm! Sie hatte nichts gegen einen Schwarm. Nicht, wenn der in anderer Form in ihr Leben trat. Sie dachte an den netten Nachbarn, der erst kürzlich das Haus zur Rechten übernommen hatte. Sie entsann sich des warmen Lächelns, das seinen Gruß begleitete. Dadurch gelangte sie ohne Umweg in den Zustand der Verzückung. Auch wenn sich bislang die Kontakte auf diesen Gruß beschränkten: Er war zu ihrem Schwarm geworden.

Doch das war eine andere Sache, dieser Schwarm in ihrem Garten wollte ihr nicht geheuer werden. Gedanken an böse Killerbienen drängten sich ihr auf. Rücksichtslose, tückische Stecher, man las es immer wieder. Was, wenn die Bienen an der Kiefer ebenfalls gefährlich waren? Und was, wenn sie beschlossen hatten, für immer hierzubleiben? Es lag nicht in ihrem Interesse, künftig den Garten mit Bienen zu teilen, die nicht wie sonst bescheiden von einer Blume zur anderen zogen, sondern ihr so deutlich die Übermacht anzeigten. Irritiert und ängstlich griff sie zum Telefon. Doch bevor sie die Nummer der Feuerwehr anwählte, kam ein Gedanke auf sie zu. Ein genialer Gedanke.

Sie umgab sich mit großer Tapferkeit und verließ nicht ohne Vorsicht das Haus durch die Vordertür, immer Ausschau haltend nach versprengten Bienen. Sie hoffte, er würde da sein, als sie an der Pforte der Nachbarwohnung läutete. Mit freudigem Erstaunen nahm er ihr Erscheinen wahr, bot ihr selbstverständlich seine Hilfe an, verabreichte mit sanften Worten Beruhigung und Trost. Unter seinem Schutz näherte sie sich beherzt der besetzten Gartenzone. Hier hatte sich die Traube vergrößert, immer neue Nachzügler eroberten den Baum. Mochte der Nachbar auch edel sein und Hilfsbereitschaft signalisieren, gegen diese Überzahl der summenden Insekten vermochte er nichts zu tun. Nach geteilter Ratlosigkeit riefen sie endlich die Feuerwehr. Die Männer erschienen nur kurz, dann ließen sie Informationen und Erleichterung zurück. Die Bienen waren nicht gefährlich, sondern brave Honigträger. Die frühere Behausung war dem expandierenden Volk nicht mehr gewachsen gewesen, so dass sich der Stamm zur Teilung entschloss. Um eine neue Bleibe zu suchen, gaben sie dem Schwarmtrieb nach. Die überfallene Kiefer bot ihnen lediglich einen Rastplatz, sie würden bald weiterziehen. Derweil schickten sie ein paar Kundschafter aus, die durch die Gegend schwirren und auf dem Bienen-Wohnungsmarkt die Angebote prüfen sollten. Der Rest wartete auf die Rückkehr der Späher. Allein auf deren Resultate richteten sie ihren Fokus, was weiter um sie herum geschah, interessierte die Bienen nicht.

Sie kümmerten sich nicht um die Menschen, die fasziniert das Schauspiel bestaunten. Sie registrierten nicht, wie sich deren Blicke immer öfter trafen und eine Hand nach der anderen griff. Und als nach mehreren Stunden zwei Gläser Wein aneinanderstießen, da waren die Bienen bereits dabei, die Traube aufzulösen. Sie trennten sich von den summenden Schwestern, formierten sich wieder zum Schwarm, erhoben sich in die Luft und flogen zielgerichtet gen Süden, während die beiden Menschen ebenso zielorientiert den Weg in den siebten Himmel nahmen.

Karin Tamcke

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