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Im Schlaraffenland

Im Schlaraffenland

Wie hatte das geschehen können? Sie wusste es nicht mehr. Jedenfalls konnte sie nicht umhin, mit großem Erstaunen zu merken: Was sich über ihr wölbte, war nicht der freie blaue Himmel.

Kam ihr eine Erinnerung? Die Tür war offen gewesen, diese gläserne Eingangstür, die sich automatisch öffnet, wenn Menschen den Markt betreten. Und sie war hineingeflogen. Zusammen mit den Menschen. Unbewusst, ungeplant. So musste es passiert sein, eine andere Erklärung gab es nicht, schließlich war sie kein Geist, der sich durch Wände bewegt. Nun gut. Oder auch nicht gut, ganz wie man es sah.

Jedenfalls steckte sie jetzt in diesem

riesigen Gebäude. Es zog sie instinktiv zum Licht, das von oben kam, es flutete durch eine gläserne Kuppel, für sie so hoch wie ein Dom. Sie flog und flog und suchte den Ausgang. Doch sie stieß nur gegen Scheiben, das machte ihr sehr deutlich, dass es hier nicht weiterging. Sie gestattete sich einen Rundblick, dort oben in der Höhe. Überall Rohre und Kabel, sie nutzte eins als Rastplatz, bereit, sich zu orientieren. Alles gestaltete sich so fremd, als Kohlmeise fliegt man im Freien und nicht in einem Gebäude. Sie gab einen vorsichtigen Laut ab, er verlor sich in den Weiten des Raumes. Tief unter ihr bewegten sich Menschen, es war ein Kommen und Gehen, sie liefen zwischen Regalen herum, schauten nach Dosen und Tüten. Wie stellt sich wohl ein Supermarkt in den Augen eines Vogels dar?

Sie musste sich erst ein wenig besinnen, dann nahm sie die vielen Spinnen wahr, kleine eifrige Weber, die sich hier sicher wähnten und ihre Netze knüpften. Bald würden die Spinnen erleben, dass ihre vermeintliche Sicherheit ein großer Trugschluss war. Doch noch woben sie weiter in zuversichtlicher Unwissenheit. Die Meise würde sich später kümmern, sie war nun anderweitig beschäftigt, beobachtete ihr Umfeld. Es wurde spät, die Menschen gingen, dann kam die Nacht und sie schlief. Am frühen nächsten Morgen, noch vor der Geschäftszeit

,

machte sie sich auf zu einem Erkundungsflug. Sie prüfte hier, sie pickte dort, dann eröffnete sich ihr plötzlich das reinste Schlaraffenland. Es gab Schütten mit Körnern und Samen, Kolbenhirse hing am Haken, daneben sogar Meisenringe. Sie hatte sich ganz überraschend einen Markt für Tierbedarf erschlossen, ein gewaltiger Glücksfall, es hätte schlimmer kommen können. Sie wusste, sie würde sich einleben können.

Als sich der Markt mit Menschen füllte, flog sie auf in die Höhe zu ihrem Aussichtsplatz. Die Sonne schien durch die Fenster und sie konnte nicht an sich halten, es überkam sie der Drang zum Singen. Hätte sie lieber den Schnabel gehalten! Denn hatte sie bis dahin ihre Anwesenheit verbergen können, floss jetzt der Strom des frohen Piepsens in die Ohren der Menschen, die nichtsahnend unter ihr dieses und jenes taten . Nun ist es durchaus nicht so, dass ein Supermarkt, auch wenn er mit Tierfutter handelt, den Nutznießern eine Heimstatt bietet. Die Mitarbeiter fanden die Meise zwar freundlich und possierlich, doch sahen sie darin keinen Grund, ihr das Wohnrecht zuzuerkennen. Daher beschlossen sie, den Vogel des Marktes zu verweisen. Doch wie erklärt man das einer Meise? Nicht das geringste Begreifen war aus deren Richtung zu sehen.

Da Freiwilligkeit nicht gegeben war, sollten entsprechende Taten folgen. Die Menschen bewaffneten sich mit Keschern, stiegen auf hohe Leitern, doch die Wendigkeit einer Meise ging ihnen völlig ab. Die flog munter hierhin und dorthin, federleicht und behende, und versteckte sich zum Schluss in den Lüftungsschächten. Dann wurden in neuer Hoffnung die Fenster weit geöffnet. Doch inzwischen war in dem Vogel die Erkenntnis herangereift, dass man ein Schlaraffenland nicht umgehend wieder verlassen sollte. Das Meischen hockte weiter oben auf den Rohren und ließ auch mal ein Federchen auf die Menschen schweben, sozusagen als Statement. Die Kunden fanden das ganz lustig, fragten immer nach der Meise, hofften auf ihr Wohlbefinden. Das war vollends gegeben, bei der guten Verpflegung wurde sie rund und behäbig. Und es ist wohl ihr Plan, den Winter warm und versorgt zu verbringen. Im Frühling allerdings, da könnte es geschehen, dass der Gesang der Artgenossen sie doch noch ins Freie lockt. Dann dürfte man ihr gerne noch einmal die Fenster öffnen.

Karin Tamcke

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