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In der Silvesternacht

In der Silvesternacht

Wenn er so zurückdenkt an den letzten Jahreswechsel, dann überkommt ihn immer noch das Entsetzen. Auch wenn nun alles gut ist. Denn neben ihm steht Rudolf. Unverkennbar sein Rudolf.

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Quelle: privat .

Kein Traum, keine Vision, er ist tatsächlich da. Manchmal gibt es Minuten, da kann er es nicht fassen, sein Glück noch nicht begreifen. Es ist auch nicht selbstverständlich, er hatte es nicht mehr für möglich gehalten. Die Wahrscheinlichkeit, sie wurde mit jedem Tag gemindert. Mit jedem schlimmen Tag, an dem Rudolf verschwunden blieb.

Rudolf. Ein Hund, wie man ihn sich nur wünschen kann. Rudolf ist ein Beagle, und wer diese Rasse kennt und liebt, sieht den innigen Blick, den Zauber im sanften Hundegesicht. Auch er war der Rasse verfallen, gleich von Anfang an. Ein Hund sollte damals ins Haus, es war gerade neu erbaut und als die Einrichtung stand, befanden seine Frau und er, dass es nun an der Zeit war, sich auf die Suche zu machen. Die Art warf keine Zweifel auf, es sollte ein Beagle sein. Selbstverständlich. Nun musste nur noch gefunden werden, was schon lange fix und fertig vor seinem inneren Auge stand: Ein klassischer Beagle, der mit der dunklen Decke. Dreifarbig. Tricolor nennt das der Züchter. Folglich durchforschte er die Annoncen von Hundezüchtern aus der Umgebung nach einem Beagle in Tricolor.

Dann mogelte sich ohne Rücksichtnahme auf den speziellen Wunsch ein Bild in seinen Fokus: Ein Suchfoto in der Zeitung aus dem örtlichen Tierheim sprang ihn direkt an. Sehnsuchtsaugen, schief gelegter Kopf, weich schlappende Ohren als Umrahmung. Ein Beagle. Aber keiner in Tricolor. Das weiße Fell wurde überzogen von vielen senfgelben Flecken. Eine Phase des Bedenkens mündete am Ende in den Besuch im Tierheim. Der Blick des kleinen Hundes, den man Rudolf nannte, hatte sich in sein Herz gebrannt. Man kann es sich fast denken, Rudolf kam zu ihm ins Haus. Er sollte es nicht bereuen. Rudolf fügte sich schnell in das neue Leben ein, war der ideale Familienhund, auch wenn er zur Dickköpfigkeit neigte, doch tat er das mit Charme. Ja, Rudolf war eine Bereicherung und hing mit Liebe an seinen Menschen, doch wandte er seine Hingabe besonders ihm, seinem Herrchen, zu.

Deshalb traf es den besonders, als die Katastrophe geschah. Es war zu Silvester gewesen, man hatte fröhlich mit Freunden gefeiert und um Mitternacht ging alles vor die Tür, um das neue Jahr mit etwas Feuerwerk zu begrüßen. Rudolf hatte im Haus zu bleiben, er war als geräuschempfindlich bekannt. Wer hatte die Haustür offen gelassen? Keiner konnte sich erinnern, jedenfalls folgte der Hund seinem Herrn, und das gerade in dem Moment, wo man in der Nachbarschaft schweres Geschütz auffuhr. Rudolf überlief die Panik, er rannte und rannte, wollte nur noch weg, fort von dem furchterregenden Krach. Sein nicht minder entsetztes Herrchen, doch aus anderen Gründen, konnte nur noch zusehen, wie sich der Hund entfernte, alles Rufen war vergebens, ging unter in dem Getöse. Doch wäre es bei Rudolf sowieso nicht angekommen, seine Sensoren für Gehorsam waren ausgeschaltet. Dann bog der Beagle um die Ecke und verlor sich im Dunkel.

Es half kein Suchen, kein Plakataushang, keine Nachfragen im Tierheim, keine Anzeige in der Zeitung. Der Hund blieb spurlos verschwunden. Als hätte es niemals einen Beagle namens Rudolf gegeben. Die Monate vergingen, ein halbes Jahr und mehr. Sein Herr verfiel in Trauer, konnte den Hund nicht vergessen. Es sollte auch keinen neuen geben. Und dann geschah das Wunder. Viele Kilometer entfernt wurde ein Hund gefunden und ins Tierheim eingeliefert. Ein Chip brachte die Gewissheit, es handelte sich tatsächlich um Rudolf. Er war in keinem schlechten Zustand, doch gab er keine Antwort auf die wichtige Frage nach dem Verbleib während der langen Zeit und ließ auch alle im Ungewissen, wie die kurzen Beagle-Beinchen die lange Strecke bewältigen konnten. Vielleicht war der verängstige Rudolf per Anhalter gefahren. Nun ist er jedenfalls wieder daheim. Schon eine ganze Weile. Und er wird fest und sicher, vor allem in der Silvesternacht, von seinem Herrn gehalten. Der hat sich überdies geschworen, nie wieder Feuerwerk zu kaufen. Das ist er seinem Rudolf schuldig. Ihm und allen anderen Tieren, die das Geschehen nicht begreifen.

Karin Tamcke

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