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Kein Neuland im Keller

Kein Neuland im Keller

„Nur wer sich auf den Weg macht, wird neues Land entdecken", wusste schon Hugo von Hoffmannsthal. Nicht dass die Kuh Hortensie in Literatur bewandert ist, ihre Stärken sind anderweitig zu finden.

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Quelle: dpa

Doch des Dichters Gedanke fand nun dennoch Eingang in Hortensies Tun.

Der Tag hatte gut begonnen. Hortensie und ihre Schwestern grasten wie immer gewissenhaft die ihnen vertraute Weide ab. Sie grasten in lockerer Herdenform, fraßen sich Halm für Halm von einem Ende zum nächsten. Man könnte nur zu leicht vermuten, dass das Grasen am stets gleichen Ort in Langeweile mündete. Die Zeit schien überreif zum Erschließen neuer Erlebniswelten. Es ist nicht mehr ermittelbar, wie die Kuh zu benennen ist, die den maroden Pfahl entdeckte, der sich mit weiteren seiner Art zu einer Umzäunung fügte. Plötzlich war der Pfeiler samt Draht in den Boden getreten und es öffnete sich eine Pforte in die große Freiheit. Die erste Kuh verließ die Koppel, die restlichen gaben dem Herdentrieb nach. Eine nach der anderen wand sich durch die Lücke. Sie standen nun alle außerhalb, dann machten sie sich auf den Weg.

Ein Ziel war ihnen nicht vorgegeben, sie folgten einfach dem Straßenverlauf, der sie nach kurzer Zeit zu den Dorfgebäuden führte. Geordnet und gemessenen Schrittes betraten sie die Zivilisation. Vor ihren Augen erstreckte sich bald eine saftige Rasenfläche im Vorgarten eines Hauses. So ein sattes Grün kann eine Kuh nicht ignorieren und alle schwenkten darauf zu. Nicht dass sie auf ihrer Weide an Futtermangel zu leiden hatten, jedoch war dieser Rasen mit ausgesucht zarten Halmen bestückt, mit Halmen, die sich fast von selbst in ihre Mäuler schmiegten. Sie fraßen folglich voller Wonne. Aufgrund des großen Wohlgefallens entfuhren ihnen Laute der Begeisterung.

Nun verhielt es sich aber so, dass sie, ohne es zu ahnen, in Bürgermeisters Garten speisten. Der hörte das ungewohnte Muhen vor seiner Eingangstür, schaute aus dem Fenster und blickte zu seinem Erstaunen auf einen Trupp von Wiederkäuern. Sein anfängliches Erstaunen wandelte sich in Entsetzen, als er zusehen musste, wie die spitzen Hufe in seinem gepflegten Rasen Vertiefungen hinterließen. Er lief ins Freie und scheuchte die Herde mit Vehemenz vom Grundstück. Leider verfehlte die arme Hortensie dabei den rechten Anschluss und schlitterte über eine Treppe abwärts in den Lichtschacht des Kellers. In einer großen Fensterscheibe sah sie die Spiegelung einer Kuh, die nach ihrem Verständnis nur ein Mitglied der Herde sein konnte. Mit Erleichterung und Freude folgte sie dieser Richtung.

Der arme Bürgermeister hörte das Splittern von Glas. Dann stand die Kuh Hortensie in seinem Partykeller. Außer einer Schramme war sie unverletzt geblieben, ein kleines Wunder am Rande. Trotzdem war es nun vorbei mit dem Erfolg des Tages. Der Weg zu neuen Zielen hatte das arme Rind zum falschen Ergebnis geführt. Es war daher geboten, den Irrtum zu korrigieren, was sich als schwierig erwies. Zum Berufsbild eines Bürgermeisters zählt keinesfalls die Fertigkeit, mit Milchvieh zu verhandeln. Man konnte ihm daher nicht verübeln, dass sein Ersuchen an die Kuh nicht in einer Form geschah, die Eingang finden konnte in Hortensies Verständnisspeicher. In seiner Hilflosigkeit alarmierte er die Feuerwehr.

Die rückte an mit zwanzig kräftigen Männern. Hortensie wurde an Beinen, Hörnern und Hals vertäut. So brachte man ihr durch Ziehen, Schieben und Ermuntern die Benutzung der Treppe nahe, diesmal jedoch in Aufwärtsrichtung, bis sie endlich wieder ebenerdig stand. Und als dann noch der Eigner der Rinderherde kam und seine entfleuchten Tiere zurück auf die Weide trieb, da war Hortensie doch sehr froh. Sie fraß zufrieden ein paar Halme und im Wiederkäuen mag sie sich geschworen haben, nie wieder nach neuen Wegen zu suchen. Dafür war sie einfach nicht der richtige Typ.      

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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