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Kein Storch wie jeder andere

Kein Storch wie jeder andere

Der Rambo vom Dorf hieß Ludwig. Wenn er auf der Straße erschien, dann schwante den Menschen nichts Gutes. Sein Anblick setzte Ängste frei. Ängste und Entsetzen.

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Quelle: Dirk Hunger

Bedeutete Alarmstufe Rot! Sie versuchten, das zu schützen, was ihnen ganz besonders lieb und auch besonders teuer war: Ihre Kraftfahrzeuge. Ludwig, der Schrecken aller Autos, ging wieder einmal um. Anfangs war man verwundert gewesen über die tiefen Kratzer auf Kotflügeln und Motorhauben, dachte an Vandalismus fehlgeleiteter Banden. Doch dann lieferte Ludwig selbst die hieb- und stichfesten Beweise. Er ließ sich beim Freveln erwischen und löste damit das Rätsel um die misshandelten Wagen. Da brat mir doch einer einen Storch! dachten die Leute erschrocken – und meinten es bald wortwörtlich. Storch Ludwig war ein Übeltäter. Wer hätte das wohl ahnen können?

War er nicht vorher ein Storch gewesen wie jeder andere auch? Äußerlich ließ sich nichts erkennen von seinen dunklen Gedanken. Geschickt verbarg er sie unter einer weißen Weste, die nur optisch vorhanden war, das merkte man inzwischen. Doch was trieb den Storch dazu? Seine Kinderstube zeigte keine Auffälligkeiten. Er war im Dorf geboren worden. In diesem hübschen kleinen Ort, in dem es einst ein Bauernhaus gab mit einem Storchennest auf dem Dach. Die Bewohner verrenkten die Hälse, um den großen Vögeln beim Nestbau zuzusehen, hofften auf ein Gelingen der Brut und sahen mit Bedauern im Herbst dem Abflug zu. Dann brachte auch der Nachbar ein Rad auf seinem Dach an, das schnell besiedelt wurde. Weitere Einwohner zogen nach, um neuen Storchenfamilien eine Brutstätte anzubieten. Das sprach sich bald herum. Bei den Störchen und bei den Menschen. Besucher kamen in den Ort und bestaunten die klappernden Vögel. Der Gasthof profitierte vom rapiden Anstieg der Gäste und der Kaufmannsladen richtete eine Ecke ein für Andenken an den Ort und die Störche. Alles ging einen guten Gang. Bis er kam.

Niemand erwartete das Unheil in Form des kleinen Kükens, das da eines Tages die Eierschale durchbrach. Ludwig war ins Leben getreten. Und bald würde nichts mehr sein, wie es vorher gewesen war. Er und seine Geschwister wuchsen behütet auf, ließen sich Frösche und Schnecken in den offenen Schnabel stopfen, befiederten sich vorschriftsmäßig, erhoben sich auf die langen Beine und übten wie die Eltern das Klappern. Und als sie ausgewachsen waren, zogen sie gen Süden, wie es sich gehört. Im folgenden Frühling kamen sie wieder und wurden freudig begrüßt, so wie jeder Storch im Dorf. Sie suchten sich einen Partner, bezogen ein freies Nest und alles schien korrekt zu laufen. Während sich Ludwigs Schwestern unauffällig verhielten, sah es bei ihm ganz anders aus. Es gab kein Trauma in seiner Kindheit, keine Vernachlässigung, keine lieblose Mutter, keinen gewalttätigen Vater. Rein gar nichts, worauf er sich später hätte berufen können, um mildernde Umstände einzufordern. Zwar heiratete er eine Storchendame und zeugte mit ihr drei Kinder, doch dann verließ er den Pfad der Tugend. Plötzlich drehte sich sein Interesse nicht mehr ums Familienleben. Noch vor kurzem war es gewesen, da hatte er seiner Partnerin allerlei ins Ohr geklappert, ihr ewige Treue geschworen und Hilfe bei der Aufzucht der Brut, wie es sich gehört für einen braven Storchenmann.

Nun verlagerte er seinen Aufenthalt immer mehr auf die Straße. Er stakste durch die Gegend, großspurig und verwegen, vernachlässigte Frau und Kinder, fing Frösche nur zum Eigenbedarf. Seine arme Frau fand sich der Tatsache gegenüber, alleinerziehend zu sein. Und da das offenbar nicht reichte, musste sie mit ansehen, wie ihr holder Gatte zum Rabauken wurde. Ohne erkennbaren Grund ging er auf die Wagen los, attackierte sie mit dem Schnabel, hieb ein auf das glänzende Blech, hackte sich in einen Rausch. Offensichtlich sehr zufrieden, stelzte er von dannen. Seitdem war es aus mit dem Frieden in dem kleinen Ort. Die Menschen konnten nur beginnen, ihr Hab und Gut zu schützen. Sie zäunten ihre Autos ein, versteckten sie unter Planen, stellten Hinweisschilder auf für ahnungslose Touristen – und warteten auf das Ende des Sommers. Dann würde Ludwig sie verlassen und im nächsten Jahr, so hofften sie von ganzem Herzen, geläutert wiederkehren. Versprochen hatte er es nicht.

Karin Tamcke

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