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Tiergeschichten Kein gewöhnliches Kaninchen
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15:00 13.01.2015
Quelle: André Kempner

Weiß befellt und grau beohrt saß er dort im Stroh und erfüllte laut Verkäufer zudem unseren dringenden Wunsch nach einer kleinen Kaninchendame, die dem verwitweten Oberon neue Gesellschaft bringen sollte. Und so verließen wir den Laden mit einer vermeintlichen Kriemhild, der Name war recht schnell gefunden.

Allerdings hatte Oberon einen weitaus besseren Blick als der Zoofachverkäufer. Er roch den Braten sofort und selbst der weibliche Name vermochte ihn nicht zu täuschen. Innerhalb von Sekunden identifizierte er den Neuzugang als das, was der wirklich war: als einen hundertprozentigen Bock. Nur artikulierte er sich nicht so deutlich und wir setzten in unserer Einfalt sein ablehnendes Gebaren mit Skepsis bei der Gewöhnung gleich. Es dauerte eine lange Weile, in der sich Kriemhild und Oberon nur durch ein Gitter unterhielten, zum Schutz des kleinen Kaninchens. Dann erst schwante uns die Wahrheit, die Bestätigung kam vom Tierarzt. Kriemhild war tatsächlich ein Bock. Wir wollten keinen Schaden für seine Psyche riskieren, deshalb änderten wir den Namen rasch in Kriemhilf ab, in Anlehnung an den Namen Gotthilf. Allein durch diese Geschlechtsumwandlung, wenn auch nur in der Titulierung, schob er sich von Anfang an heraus aus der Reihe unserer Kaninchen. Bislang hatte dringesteckt, was draufgestanden hatte, bei Kriemhilf mussten wir umetikettieren.

Die Phase mit Oberon und Kriemhilf währte nicht sehr lange, da der Methusalem in den Kaninchenhimmel einging und Kriemhilf, wie es sich gehört, ein echtes Kaninchenmädchen an die Seite bekam. Beide fanden schnell zueinander und alles schien entspannt zu sein. Da zog sich der arme Kriemhilf eine Schramme auf der Nase zu. Vermutlich hatte unser Kater auf rüde Weise prüfen wollen, ob ein Kaninchen kratzfest ist. Der Tierarzt verordnete eine Salbe für die rosa Mümmler-Nase, dreimal täglich aufzutragen. Die Verabreichung des Medikaments erfolgte auf dem Sofa zwecks besserer Handhabung des Patienten.

Der Nager fand den Wechsel erbaulich, er entdeckte neue Welten, vor allem die der Sofakissen. Sie waren vielseitig nutzbar: als Versteck, als Thron, als Kampfobjekt. Und nur den Kissen gestand er zu, auf dem Sofa zu verbleiben. Denn sein Ausflug auf die Polster legte eine Eigenschaft frei: Er war ein Ordnungsfanatiker. Alles was auf der Sitzfläche lag, warf er auf den Boden, er ließ da keine Gnade walten. Wir hatten unseren Spaß daran, legten ihm Bauklötze, Bälle, Schachteln hin.... Kriemhilf schob mit Nase und Pfoten, rollte, kratzte, schubste – bis das Ziel erreicht war. So sicherte er seine Stellung als unser einziges Sofakaninchen. Bis sich über uns Ahnungslosen die Wolke der Katastrophe ballte.

Es kündigte sich Besuch an. Nicht irgendein Besuch, sondern ein bekannter Maler. Es war ein Interview geplant für die nächste Zeitungsausgabe. Und da ich zum Team gehörte, bot er der Einfachheit halber an, direkt zu uns ins Haus zu kommen, es fügte sich so besser. Bei einer Tasse Kaffee saßen wir alle zusammen, der Gast hatte den gemütlichsten Platz auf dem Sofa gewählt, auf dem gerade, frisch gesalbt und hinter Kissen verborgen, unser Kriemhilf hockte. Als das Kaninchen die Deckung verließ, empfand der Mann das nicht als störend, zumindest gab er keinen Hinweis, er zeigte sich lediglich überrascht, eine Hinwendung zum Kaninchen erfolgte jedoch nicht. War es Kriemhilfs Rache aufgrund der Ignoranz oder griff sein Sinn für Ordnung, dass zu entfernen war, was nicht aufs Sofa gehörte? Er rückte nah an den Mann heran, gab sich unauffällig – und vollendete dabei sein Werk. Als sich der Gast erhob, wurde offensichtlich, was Kriemhilf inzwischen getrieben hatte. Im teuren Oberhemd des Malers prangte unübersehbar ein Loch, durch Nagezähne erschaffen. Bestürzung und Entsetzen mischten sich in uns.

Da sich der Übeltäter zu keiner Entschuldigung aufraffen wollte, mussten wir das übernehmen. Unser Kriemhilf durfte jedoch in seinem Lebenslauf vermerken, einst in ein prominentes Hemd ein Loch genagt zu haben.

Karin Tamcke

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