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Keine Spur von Miroslav

Keine Spur von Miroslav

Kater Miroslav hegt eine große Sympathie. Er hegt sie mit tiefer Überzeugung, Ausdauer und unverbrüchlicher Treue. Miroslav hat eine Neigung für Behälter spezieller Art.

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Quelle: Karin Tamcke

Behälter, die den Menschen helfen, ihre Habe zu transportieren, als da sind Koffer und Taschen. Erfüllen sie das Kriterium, von der Größe passend zu sein, dass Miroslav die Möglichkeit sieht, sie mit seinem Pelz zu befüllen, dann zieht es ihn mit Macht hinein. Einer offenen Tasche kann der Kater nicht widerstehen. Er kuschelt sich ins Innere, meldet sich ab für den Rest des Tages. Sofern man ihn darin belässt.

Es ist nun wirklich nicht so, dass Miroslav kein Körbchen hätte, keine Kuschelmatte oder die Sofaecke. Es gibt genügend Möglichkeiten, sich zur Ruhe zu betten. Doch der schwarze Kater favorisiert nun einmal Taschen. Er lebt bei Familie F. und in deren Haus tun sich die Möglichkeiten, dieser Neigung nachzugehen, in großer Anzahl auf. Die Schultaschen der Kinder, kaum liegen sie offen herum, sind nach kurzer Zeit in Miroslavs Besitz. Zerknickte Hefte und Bücher, mit Eselsohren versehen, zeugen von seinem Aufenthalt, was dem Anspruch der Schule nicht zur Gänze entspricht, jedoch für Miroslav kein Argument für Verzicht darstellt. Will die Familie verreisen, blockiert der Kater die Koffer und lässt sich nur durch Leckerchen und große Überredungskraft aus der Umarmung des Leders locken. Sporttaschen liebt er ganz besonders, das weiche nachgiebige Material trägt auf die schönste Weise dem Raumbedarf des Katers Rechnung, beult sich ohne Gegenwehr in seine Umrisse aus. Nur ungern lässt er sich überzeugen, den eingenommenen Platz an die Sportsachen abzutreten. Und als eines Tages der Elektriker eine Leitung zu verlegen hatte, hockte in seinem Werkzeugkoffer nach kurzer Zeit der Kater.

Man kann nicht unbedingt sagen, dass er eine Ausnahme bildet, viele seiner Artgenossen hegen diese Leidenschaft. Doch Miroslav lagert exzessiv in seinen geliebten Taschen. Wird der Kater vermisst, braucht man dort nur nachzusehen. Auf der Grundlage dieses Wissens ist es sehr verständlich, dass eines Tages Frau F. nicht anders denken konnte, als sie eben dachte. Dass sich aus ihrer Sicht die Sachlage nur so darstellen ließ, einzig nur so vorstellbar, wie es die Erfahrung vorgab. Am Morgen des bewussten Tages wurde Miroslav zuletzt im Musterkoffer des Hausherrn gesehen. Danach verlor sich seine Spur in der Hektik des frühen Morgens. Die Hausfrau hatte viel zu tun. Die Kinder mussten zur Schule, der Mann zu einer Präsentation von großer Wichtigkeit, alle warteten aufs Frühstück. Bald war die Familie aus dem Haus, es kehrte Ruhe ein, Frau F. hatte endlich Zeit für die eigene Tasse Kaffee. Wie immer war das der Moment, wo sie mit Kater Miroslav den Gedankenaustausch pflegte. Aber der schwarze Kater glänzte durch Abwesenheit. Das halb geleerte Schüsselchen mit dem Katzenfutter zeugte zwar davon, dass er die Küche bereits am Morgen frequentiert haben musste. Doch der Kater selbst war nirgendwo zu sehen, reagierte auch nicht auf ihr Rufen. Sie begann, im ganzen Haus nach ihm zu suchen. Keine Spur von Miroslav. Dann fiel es ihr auf einmal ein. Siedend heiß und voller Bangen. Steckte Kater Miroslav etwa noch im Musterkoffer? Kuschelig versteckt zwischen Schriftverkehr und Warenproben? Ihre Fantasie lief auf hoher Drehzahl. Ihr inneres Auge war blitzschnell bereit, ein Szenario herzustellen, das sich höchst erschreckend zeigte: Ihr Ehemann, den Musterkoffer öffnend für die Warenpräsentation – und aus den Tiefen des Behälters Kater Miroslav entsteigend. Sie stellte sich die Mienen der überraschten Kunden vor. Ihr Mann, der Lächerlichkeit preisgegeben! Und Miroslav, verschreckt durch die fremde Umgebung! Von Entsetzen getrieben, rief sie den Mann in der Firma an. Der zeigte sich recht ungehalten ob der ärgerlichen Störung. Und nein, da sei kein Kater im Koffer.

Die Erleichterung von Frau F. wurde überlagert von der bangen Frage, wo sonst der Kater stecken mochte. Sie dehnte ihre Suche aus, schaute in alle Zimmer. Dann stand sie vor dem Kleiderschrank, sah die nicht ganz geschlossene Tür. Hoffnungsvoll gruben sich ihre Hände durch Pullover und Jacken – und erspürten im hintersten Eck ein weiches Katzenfell. Miroslav hatte sich zum Glück einen anderen Ruheplatz erschlossen.

Karin Tamcke

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