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Keine dumme Kuh

Keine dumme Kuh

Sie schaut versonnen aus dem Fenster. Der Frost in der letzten Nacht hat Raureif auf die Koppel gezaubert. Doch im Stall ist es warm und heimelig. Sie hört das mahlende Geräusch ihrer wiederkäuenden Schwestern, hört ihr Schnaufen und Prusten.

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Quelle: Martina Köhler

Es ist kalt geworden. Kuhstallatmosphäre. Beruhigend und gemütlich. Tiefe Zufriedenheit ist in ihr. Ja, nun ist sie glücklich, die Kuh Fanny.

Fanny – das ist jetzt ihr Name, früher hieß sie anders. Sie änderte den Namen aus gutem Grund. Möchte inkognito bleiben, ihre Ruhe haben. Kein Rummel mehr um sie. Denkt sie noch zurück an dieses eine Jahr? An ihr großes Abenteuer? An die Zeit, die so aufregend war? An den Sommer, der sie zu einer Berühmtheit machte? Eines Tages hatte man sie und einige ihrer Artgenossen auf einen Hänger verladen. Eine verwirrende Situation, die sie nicht einordnen konnte. Nach einer langen Weile hielt der Lkw an und die Kühe wurden ins Freie getrieben. Etwas in ihr sagte, dass nicht gut für sie war, was da gerade passierte. In der Ferne sah sie Bäume. Viele Bäume. Es zog sie hin zu diesen beruhigenden Bäumen. Und da lief sie einfach los. Rannte über die Straße, über Fußwege, immer geradeaus. Vorbei an hupendenden Autos und flüchtenden Passanten. Das Geschrei der Menschen hinter ihr wurde leiser und leiser. Immer weiter rannte sie, bis sich der harte Asphalt unter ihren Klauen änderte in weichen Boden und sie endlich aufgenommen wurde von einem dichten Wald. Die Rufe waren verstummt, nun gab es nur noch das Zwitschern der Vögel.

Hier kam sie endlich zur Ruhe, war aber trotzdem auf der Hut. Zu fressen hatte sie genug, das Gras wuchs überall. Sie fraß und käute wieder, so vergingen die Tage. Manchmal traf sie einen Fuchs oder ein paar Rehe, vor denen sie sich nicht fürchtete. Doch der Frieden sollte nicht lange währen. Wieder hörte sie menschliche Stimmen. Man war auf der Suche nach ihr. Sie hatte ihre Sinne geschärft und konnte rechtzeitig fliehen und sich gut verstecken, so dass sie nicht gefunden wurde. Sie ahnte nicht, was los war draußen in der Welt. Ihretwegen. Jäger wurden auf sie angesetzt mit Betäubungsgewehren. Die Medien berichteten über den Fall. Sie war über Nacht berühmt geworden. Manchmal war man ihr dicht auf den Fersen, doch sie erwies sich als gewitzter und klüger als die ungeschickten Verfolger. Einmal überquerte sie die Straße direkt vor einem Polizeiauto. Das war des Guten zu viel, sie wurde zum Abschuss freigegeben, was sie zum Glück nicht wusste. Doch hätte auch dieses Wissen ihr Handeln nicht beeinflusst.

Der Aufenthalt in der freien Natur machte sie wild und frei. Sie mied alle offenen Flächen, hielt sich tagsüber nur im Dickicht auf. Die Medien berichteten weiter. Unversehens wurde sie zur Heldin, sammelte Sympathiepunkte, ohne es anzustreben, während sich ihre erfolglosen Häscher immer lächerlicher machten. Dann schalteten sich Tierschützer ein. Wer sich so einsetzte für die Selbstbestimmung, durfte nicht als Wurst und Braten enden. Sie kauften sie frei, was ein großer Schritt war in eine gute Richtung. Doch was half die neue Ausgangslage, wenn sich die Situation als solche nicht geändert hatte? Die Kuh war noch immer frei. Und einfach zu gescheit. Einmal traf sie der Pfeil aus einem Betäubungsgewehr, doch konnte sie wiederum fliehen und sich so lange verstecken, bis sie nach dem erzwungenen Schlaf wieder fest auf den Beinen stand. Dann kam man auf die Idee, sie in eine Falle zu locken. Ihre leibliche Schwester wurde ins Wäldchen gebracht. Sie sollte als Köder dienen für die Ausreißerin. Die freute sich über die Anwesenheit eines vertrauten Wesens. Doch trafen sich beide nur nachts, wenn die Dunkelheit sie verbarg.

Hundert Tage waren inzwischen vergangen, da stellte man eine Raufe auf mit würzig duftendem Heu. Eine spezielle Raufe, von deren Funktion sie nichts ahnte. Sie konnte nicht widerstehen und die Falle schnappte zu. Sie wehrte sich bis zuletzt wie ein wilder Stier, wusste noch nichts von ihrem Glück, von der Wende ihres Schicksals. Nun ist sie hier. Auf dem schönen Gnadenhof. Immer noch schaut sie aus dem Fenster ihres warmen, sauberen Stalles. Sie hört ihre Schwestern prusten. Kein Klirren mehr von Ketten. Die Sonne beginnt zu scheinen. Auf dem Gras taut langsam der Reif. Alles fühlt sich richtig an. Vielleicht wird sie später nach draußen gehen.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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