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Tiergeschichten Kleopatras Leiter
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15:00 06.01.2015
Quelle: privat

Lieber wehrt sie die Plagegeister durch ein Händewedeln ab, wobei dieses Wedeln an Sanftheit kaum zu überbieten ist. Die Tante schätzt alle Tiere, doch darf sie aufgrund ihres Mietvertrags keine eigenen halten. So wendet sie sich den Wesen zu, die von selbst zu ihr kommen und nicht unter Haustier fallen. Hier wären besonders die Spinnen zu nennen.

Die Tante ist voll von Bewunderung für deren kunstvolle Netze. Einst hatte sich eine Kreuzspinne auf ihrem Balkon einquartiert, sie hing am Wohnzimmerfenster, schaute interessiert in den Raum und die Tante schwor Stein und Bein, dass die Spinne zu ihr sprach. Bei der morgendlichen Begrüßung diskutierten Spinne und Tante angeregt die Wetterlage, wobei sich der Netzebauer eher zurückhaltend artikulierte. Die Spinne wurde dick und rund und zum Ende des Herbstes umwickelte sie sich fest und warm, um der Kälte zu begegnen, doch als die Frühjahrssonne vom Winter nichts mehr übrig ließ, war leider von der Spinne gleichfalls nichts mehr übrig.

Nach einer arachniden Durststrecke kam eines Tages Ersatz. An einem frühen Morgen klebte erneut eine Spinne am Fenster, Auge in Auge mit Tante Maria. Es war keine der Art, die mit Akkuratesse Kunstwerke produziert, sondern eine Hauswinkelspinne. Tante Maria war besorgt. Was tat die Spinne auf dem Balkon? Wieso trieb sie sich im Freien herum, wo sie doch sonst im Gebäude nach kuscheligen, dunklen Winkeln sucht? Hatte sie sich verirrt? Doch das Dach über dem Balkon hielt Wind und Wetter ab, daher mochte alles für die Spinne seine Ordnung haben. Sie machte auch keinen verfrorenen Eindruck, sondern rannte wieselflink vom Fensterrahmen herab und verkroch sich in der Ecke. Am nächsten Tag sah Tante Maria die Winkelspinne wieder. Mit zielloser Schlampigkeit war die gerade dabei, sich zwischen Fensterbank und Rahmen in aller Ruhe ein Netz zu weben. Es wurde ein wolkiges Gebilde, ohne nennenswerte Struktur, die Spinne konnte es nicht anders. Immerhin war erkennbar, dass sich am Ende der Wolke ein langer Trichter öffnete, in den die Spinne kroch und dort geduldig saß, immer in der Hoffnung auf ein paar verirrte Insekten. Es fiel der Tante schwer, doch dann überwand sie sich und suchte nach toten Fliegen, die sie dem neuen Hausgenossen vor den Netzeingang legte. Eine lebendige Fliege hätte sie nicht opfern mögen. Doch der Spinne war das egal, sie nahm die Präsente an, ohne erkennbaren Dank.

Da das Spinnentier offensichtlich beschlossen hatte, sein Leben auf dem Balkon zu verbringen, bekam es den Namen Kleopatra. Tante Maria war der Meinung, dass sich die Taufe lohne, Hausspinnen sind in der Lage, sieben Jahre durchs Leben zu krabbeln, sofern sie nicht vorher ein Unfall aus dem Dasein rafft. Auch die Winkelspinne, die nun Kleopatra hieß, sollte ein langes Leben haben, denn als es auf den Winter zuging, konnte Tante Maria ihre Sorgen nicht mehr zügeln. Würde sich Kleopatra als frostresistent erweisen? Dann fasste sie einen Entschluss. Vorsichtig sammelte sie das Tierchen mittels eines Glases ein und transportierte den kostbaren Inhalt in ihr Badezimmer. Dort gab es viele Ecken und Winkel und schließlich gehörte die Spinne ins Haus. Kleopatra ließ es sich gefallen, lief zwar im ersten Moment ziellos über die Fliesen, bald sah sie ein Versteck und kurze Zeit später fand meine Tante das erste Spinnennetz.

Alles ließ sich gut an, Kleopatra hatte sich eingelebt. Dann geschah, was keineswegs vorgesehen war. Kleopatra saß in der Badewanne, war vermutlich hineingefallen und sah sich außerstande, zwecks wirkungsvoller Befreiung die glatten Wände zu überwinden. Tante Maria überkam Beklemmung. Ihr wohlgemeinter Rettungsversuch war nun ins Gegenteil gekehrt. Zwar konnte sie der Spinne helfen, doch die Gefahr war nicht gebannt. Dann kam ihr ein genialer Einfall, aus der Sorge geboren. Sie knüpfte aus Schnüren eine Leiter, befestigte sie am Wannenrand und ermöglichte damit der Spinne jederzeit den Ausstieg. Und damit dürfte Kleopatra vermutlich die erste Spinne mit eigener Strickleiter sein.

Karin Tamcke

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