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Kunst am Bau

Kunst am Bau

Sie fühlte sich am richtigen Platz. Hier gehörte sie hin, davon war sie überzeugt. Man konnte anderer Ansicht sein, vermutlich waren das auch die Menschen, doch wenn sie sich so umsah und sie sah sich stets gründlich um, schließlich hatte sie acht Augen, die man entsprechend nutzen sollte, dann blickte sie in eine Welt voller Seltsamkeiten.

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Quelle: dpa

Ungewöhnliche Gebilde gruppierten sich im Raum, skurrile Installationen aus Metall und Stoff und Holz. Sie unterschieden sich nicht sehr von den eigenen Kreationen, so hätte sie denken können. Ein Gebrauchswert der Dinge war nicht gegeben, daher nannten sie sich Kunst.

Das von ihr Geschaffene verfolgte zumindest einen Nutzen. Wie ein fragiler Schleier fügte sich ihr Netz hinter die Skulpturen. Das Netz der Großen Winkelspinne, auch Hausspinne genannt nach dem gern gewählten Aufenthaltsort. Sie hatte sich als Heimstatt ein Gebäude ausgewählt, das einem höheren Zweck als reiner Behausung diente. Kunsthalle nannten die Menschen den altehrwürdigen Bau. Für die Spinne war der Name nicht von großer Bedeutung, für sie zählten andere Faktoren. Sie wünschte sich Wärme und Trockenheit und dass sie keiner behelligte. Bislang hatte das Putzpersonal ihr Netz nicht aufgespürt. Vielleicht definierte man das Gebilde auch vorsichtig als weiteres Kunstwerk und schreckte daher zurück vor der Beseitigung. Tatsächlich durfte man ihr Werk als kleines Kunstwerk betrachten, wenn auch aus anderer Sicht. Der Anblick war faszinierend, von virtuoser Leichtigkeit. Die lineare Fadenführung einer Radnetzspinne, die akkurat ihr Seidengarn von einem Punkt zum anderen leitet bis hin zum geometrisch klaren Ergebnis, ließ das Hausspinnennetz vermissen. Sie beschwerte sich nicht mit Akribie. Stattdessen knüpfte sie mit genialer Schlampigkeit, bis sich ein wolkiges Gebilde, zart und fein wie ein Hauch, zu einem Trichter formte, in den sich Mücken und kleine Fliegen tunlichst verirren sollten. Sie legte auch keinen Wert auf den Tautropfenschmuck, der sich in den Morgenstunden wie funkelnde Diamanten an die Netze der Radspinnen hängt. Um Unauffälligkeit bemüht, war ihr eine gemütliche Ecke unter dem Schutz eines Daches genehmer, als im Sonnenschein zu glänzen. Sie gab sich damit nicht bescheiden, die Wahrheit lautete eher: Sie hasste Regen und Wind und liebte auch nicht die Helligkeit.

Ihr Leben fand im Dunkel statt. Waren die letzten Besucher gegangen und alle Lichter gelöscht, dann kroch sie aus ihrer seidigen Höhle. Sie lief über Plastiken und Bilder, vertrat sich die langen Beine. Doch weit entfernte sie sich nie von ihrem angestammten Platz. Bis zu dieser einen Nacht. Da dehnte sie den Spaziergang aus, sah sich nach neuen Jagdgründen um, denn die Mücken und Motten schienen die Falle geortet zu haben und waren rar geworden. Einige Meter weiter begann sie mit dem Herstellen eines neuen Netzes, wob mit ganzem Körpereinsatz, vertieft in ihr eifriges Tun. Nahm sie daher nicht wahr, was sich draußen tat? Es flackerte blau durch die Fensterscheibe, was sie nicht irritierte. Die Lichter der Stadt waren ihr vertraut, obwohl: Dieses Blau war ungewöhnlich. Sie gab sich noch immer der Arbeit hin, als es hell um sie wurde und Menschen den Raum betraten. Menschen in Uniform, doch sagte ihr das wenig. Die Menschen sahen sich um, näherten sich dem Spinnenversteck. Sie wusste, es war an der Zeit zu fliehen. Doch es nützte nichts, sie wurde eingefangen. Vor Schreck ging sie in Kauerstellung. Sie ahnte nicht den Hintergrund für den plötzliche Arrest.

Wäre sie in der Lage gewesen, die Menschen zu verstehen, dann hätte sie erfahren, dass bei der örtlichen Polizei Alarm ausgelöst worden war, der auf das Kunsthaus hinwies. Ein Einbrecher wurde vermutet, jedoch zum Glück nicht vorgefunden. Stattdessen stieß man auf eine Spinne, die damit beschäftigt war, in schlichter Ahnungslosigkeit ihr Netz um einen Bewegungsmelder der Alarmanlage zu knüpfen. Obwohl die Entdeckung Erleichterung brachte, musste man der Spinne das Fortführen untersagen, sie wurde in Gewahrsam genommen und wenig später freigelassen. Vorbei war es mit der Nähe zu den Werken namhafter Künstler. Sie darf nun im Keller weiterspinnen. Es hätte sie schlimmer treffen können...

Karin Tamcke

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