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Leonardo und der Weihnachtsbaum

Leonardo und der Weihnachtsbaum

Von draußen vom Walde komm ich her.... Nur war es nicht Knecht Ruprecht, der direkt aus dem Wald in unser Haus geschneit kam. Er trug auch keinen roten Mantel, sondern einen grauen Pelz mit feinen schwarzen Streifen.

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Quelle: privat

Eine Bekleidung, die ihm besser stand als jeder rote Mantel. Er war ein kleiner grauer Tigerkater aus der letzten Herbstsaison. Mitten in der Wildnis hatten Kinder ihn gefunden, wo er am Waldrand stand und empört miaute. Jemand musste ihn dort deponiert und vergessen haben. Man kann sich seinen Teil dabei denken.

Die Kinder überließen ihn nicht seinem Schicksal. Sie steckten ihn in den Rucksack als einzig vorhandenes Transport-Utensil. Doch leider waren sie mit dem Fund weder in ihrem Elternhaus noch anschließend in der Nachbarschaft auf Akzeptanz gestoßen. So standen sie nun als letzte Rettung plötzlich vor unserer Tür, um aus besagtem Rucksack ihr Findelkind zu kramen. Es kam, wie es kommen musste. Fortan hatten sich unsere Katzen Futternapf, Sofa und Bett mit einem Jungkater zu teilen. Wir nannten den Neuzugang Leonardo.

Schnell stellte sich heraus, dass er ein ganz erstaunlicher Kater war. Während man unsere anderen Katzen einem eher mittleren Bildungsgrad zuordnen konnte, hatte Leonardo das Katzen-Abitur. Sofort begriff er, was seine Artgenossen mühsam hatten lernen müssen. Das schloss nicht nur die Bedienung der Katzenklappe ein, sondern, als er erwachsen war, das Öffnen sämtlicher Türen des Hauses. Nur vergaß er leider, sie hinter sich wieder zu schließen. Um nicht ständig zum Tag der offenen Tür zu laden, mussten wir stets den Schlüssel umdrehen. Auch sonst war er aufmerksam, lernte allein vom Zuschauen und konnte seinen Willen deutlich artikulieren. Zögerten wir zu lange mit der Erfüllung seiner Wünsche, so wusste er durch Kratzen an der Tapete unsere Reaktion zu beschleunigen. Er tat dies auf eindringliche Weise, schritt zur Wand, hob langsam eine Pfote, blickte uns fest in die Augen – und ließ bei Nichtbeachtung die ausgeklinkten Krallen lotrecht nach unten schrammen.

Was war uns da nur ins Haus gekommen? Das konnte ja heiter werden. Besonders zum kommenden Weihnachtsfest. Der Dezember schritt voran und es wurde höchste Zeit, die Wohnung festlich aufzurüsten. Voll banger Ahnung stellte ich einen Krug mit Tannenzweigen auf. Kurz darauf lagen Zweige und Krug auf dem Boden und zwei Liter Wasser ergossen sich über den Teppich. Daneben saß mit Unschuldsmiene ein grauer Tigerkater. Ich reduzierte auf optischen Minimalismus. Doch auf unseren Weihnachtsbaum, eine schöne Nordmanntanne mit der Spitze bis zur Zimmerdecke, wollten wir nicht verzichten. Gewissenhaft verankerten wir das Prachtwerk im Ständer, scharf beobachtet vom Kater Leonardo. Kaum war der Baum zur vollen Größe aufgerichtet, hing schon der erste Schmuck am Stamm. Nur hatte der nichts Festliches: Durch die grünen Zweige schielte ein graues Katergesicht. Und wenn auch der kleine Schnurrer noch kein Schwergewicht war, brachte die ungünstige Gewichtsverteilung den Baum bedenklich ins Schwanken. Mit einem Band fixierten wir das Nadelgehölz oben am nächsten Regal. Leonardos Blicke begleiteten unser Tun. Dann begann ich, den Baum zu schmücken.

Vorbei die Zeit, in der zarte Kugeln und grazile Engel ihren Einsatz bekamen. Mittlerweile hatte ich mir ein spezielles Equipment zugelegt: Anhänger aus Holz und Pappe. Diese katzentauglichen Teile würden mit etwas Glück auch Leonardo überstehen. Der saß in Aufnahmebereitschaft für das weihnachtliche Geschehen neben mir auf dem Teppich und gemeinsam begutachteten wir mein Werk. Ich ließ in unser Zwiegespräch konkrete Ermahnungen einfließen. Dann wandte ich mich beruhigt anderen Dingen zu. Kurz darauf ein entsetzliches Scheppern und Klirren aus Richtung Weihnachtsbaum. Der lag wie gefällt auf der Seite, hatte bei seinem Sturz Schalen und Vasen vom Regal gefegt und deren Erscheinungsbild in Richtung Scherben gewandelt. Der weihnachtliche Baumschmuck verteilte sich im Raum. Das Anbinden war für die Katz gewesen, jemand hatte den Zusammenhang begriffen und die Schleife akkurat aufgezogen. Wir richteten den Baum wieder auf und vertäuten ihn mit einem festen Seemannsknoten. Dem cleveren Kater hielten wir dabei vorsichtshalber die Augen zu.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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