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Mein lieber Hirsch!

Mein lieber Hirsch!

Ist wieder obenauf. Ist wieder der Platzhirsch in seinem Harem. Die aufregende Zeit ist vorbei. Für ihn und alle Konkurrenten. Wochenlang hatte das Röhren durch den Wald gedröhnt.

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Quelle: privat

Er hat es geschafft. Er hatte sich angestrengt. Diesmal ganz besonders. Er hatte etwas gutzumachen. Die Pleite vom letzten Herbst? Nie wieder, so wahr er ein Hirsch ist. Nun ist ja auch alles in Ordnung. Er hat ihn besiegt, diesen unverschämten Rivalen. Konnte das freche Großmaul souverän in die Schranken weisen. Schließlich ist er stark und erfahren. Und den Fehler vom vergangen Jahr wird er bestimmt nicht noch einmal machen.

Was da geschehen war? Auch wenn er sprechen könnte, so würde er versuchen, alles schamhaft zu verschweigen. Zu peinlich war die Situation und so unangenehm, dass man das lieber vergisst. Dabei hatte alles so lustvoll angefangen. Zufällig war er auf eine Wiese gestoßen. Eine Wiese, auf der viele Bäume wuchsen. Apfelbäume. Da er nicht abgeneigt war, ein paar der Äpfel zu kosten, setzte er über den Zaun. Überall lag das Obst im Gras. Und es schmeckte ganz ausgezeichnet. Sonnenwarm, überreif und schon recht vergoren. Er beließ es nicht bei ein paar Äpfeln, er fraß und fraß und mochte kein Ende finden. Und die Wiese begann, sich auf seltsame Art zu bewegen. Das Gras kam in Wellen auf ihn zu und ihm wurde fröhlich zumute und leichtsinnig und verwegen. Auf den Bäumen hingen weitere Früchte. Er reckte sich und streckte sich, lümmelte träge in der Gabelung der Äste. Was ihm anfangs noch recht entspannt vorkam, änderte sich schnell. Denn plötzlich bemerkte er eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Er steckte fest. Steckte fest mit seinem ausladenden Geweih. Nichts ging mehr vor, nichts mehr zurück. Doch überkam ihn keine Panik, lediglich eine leichte Verwirrung. Die Position war nicht unbequem. Nur reichlich ungewohnt. Vor allem sein wundersamer Zustand. Es ließ sich nicht übersehen, er war sturzbetrunken. Betrunken vom süßen Apfelmost.

Mein lieber Hirsch, das konnte ja heiter werden! Und das wurde es auch. Denn plötzlich vernahm er Stimmen. Menschliche Stimmen. Stimmen und Gelächter. Man hatte ihn entdeckt. Ihn und sein Desaster. Normalerweise hätte jetzt sein Fluchtinstinkt aktiviert werden müssen. Doch nichts wurde aktiviert. Rein gar nichts. Es hätte ihm auch wenig geholfen. Angst und Fluchtgedanken versanken im gnädigen Nebel der reichlich zugeführten Promille. Aus glasigen Augen blickte er auf die Menschen und deren Erheiterung. Nachdem die sich auf seine Kosten genug belustigt hatten, wurde ihnen allerdings klar, dass ein Hirsch nicht in den Baum gehört, so komisch das auch aussehen mochte. Doch wie bekam man das angesäuselte Rotwild aus den Zweigen gehievt?

Man zog und schob, doch der Erfolg war mäßig. Am Ende rückte die Feuerwehr an. Schließlich: Es gab einen Brand zu löschen, wenn auch anderer Art. Die Retter in der Not fackelten nicht lange und sägten unter allgemeinem Frohlocken den Hirsch aus dem Geäst. Der sagte nicht einmal danke, gab nur ein kurzes Blöken ab, dann torkelte er dem Walde zu, schlingerte um Bäume und Sträucher, trottete zurück zum Rudel.

Dort hatte inzwischen ein Nebenbuhler die Gunst der Stunde genutzt und sich der Kühe bemächtigt. Unser Hirsch war irritiert und die verständliche Empörung bahnte sich einen deutlichen Pfad durch den Nebel seines Rausches. Denn was er sah, konnte man so nicht stehen lassen: Ausgerechnet um seine Lieblingskuh scharwenzelte der Heini! Da gab es nur einen Weg: Den unvermeidlichen Kampf! Doch verblüfft musste er bemerken, dass sein Geweih ins Leere traf. Stattdessen wurde er vom Platz gefegt, dass ihm Hören und Sehen verging. Nach dem ersten Schock die unerfreuliche Erkenntnis: Er hatte es vermasselt. Er war erledigt, die Saison für ihn gelaufen. Verwirrt und kleinlaut schlich er von dannen, das hämische Röhren des Siegers dröhnte in seinen Ohren.

Die Zeit danach war nicht einfach gewesen. Er hatte schwer zu arbeiten gehabt an seiner Reputation. Doch dann war wieder der Herbst gekommen und mit ihm die Zeit, wo sich alles entschied. Er legte eine klassische Brunft hin. Kraftvoll, zielgerichtet und frei von Einflüssen alkoholischer Art. Die Kühe blicken nun wieder bewundernd zu ihm auf. Und das hoffentlich noch viele Jahre lang.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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