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Nicht das Gelbe vom Ei

Tiergeschichten Nicht das Gelbe vom Ei

Sie war wie immer auf der Suche nach Futter gewesen. In der nahen Fleischfabrik fanden sich immer ein paar verstreute Brocken neben den Abfallkübeln. Dabei geschah es, dass Möwe Hulda die Balance verlor und in den Behälter fiel. Als sie sich satt gefressen hatte, war ihr Flugvermögen entschwunden - sie konnte nicht mehr abheben.

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Quelle: Martin Gerten

Gibt es einen Dresscode für Möwen? Zumindest ist ihr Anblick mit einer gewissen Erwartung verbunden. Schneeweiß haben sie zu sein, mit silbergrauen Flügeln und einem gelben Schnabel. Lieder wie „Kleine weiße Möwe“ unterstützen dieses Bild. Selbst Christian Morgenstern verdichtete in seinem Möwenlied diese berechtigte Annahme: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen. Sie tragen einen weißen Flaus...“ Was hätte er wohl beim Anblick von Hulda geschrieben? Allein die Tatsache, dass sie nicht Emma hieß, war noch kein Freibrief dafür, nicht „weißen Flaus“ zu tragen.

Doch Hulda widersetzte sich diesem Denkmodell. Allerdings, das muss zugegeben werden, nicht aus freiwilligem Entschluss. Im Grunde war auch sie eine ganz normale Möwe und trug davor das klassische Möwen-Outfit: schneeweißer Körper, silbergraue Flügel. Sie fügte sich mit optischer Unauffälligkeit in den Schwarm der Artgenossen ein und auch in ihrem Verhalten stach sie nicht heraus. Sie gab sich frech und laut, wie es Möwen nun einmal sind. Den ganzen Tag lang war sie auf Diebestour, klaute unachtsamen Touristen sogar die Happen aus den Händen. Danach saß sie palavernd neben ihren Kollegen. Sie lebte als Möwe unter Möwen und eine Änderung war ganz und gar nicht vorgesehen. Und doch passierte dann dieses Missgeschick, das Hulda heraushob aus der Masse der ganzen Möwenbande.

Sie war wie immer auf der Suche nach Futter gewesen. Längst hatte sie sich abgewöhnt, nach natürlicher Nahrung zu jagen. Der graue Himmel und der scharfe Wind zogen heute kaum Menschen in die Straßencafés. Man hielt sich besser in den Innenräumen auf, zu denen eine Möwe selbstredend keinen Zutritt bekommt. Doch es gab noch andere Wege zur leichten Nahrungsbeschaffung. Einer führte in die nahe Fleischfabrik. Dort fanden sich immer ein paar verstreute Brocken neben den Abfallkübeln. Heute hatte sie ganz besonders viel Glück, einladend geöffnet stand ein Container da und drängte dadurch der Möwe sein Innenleben geradezu auf. Hulda reckte ihren Hals den zarten Stückchen entgegen, die sich so verführerisch in der Tiefe präsentierten. Dabei geschah es, dass sie die Balance verlor und in den Behälter fiel, mitten hinein ins Schlaraffenland. Sie nutzte die Gunst der Stunde und bediente sich ohne Scheu, fraß bis zum Aufnahme-Stopp ihres Magens. Dann wollte sie sich, wie es sich gehört, mit kraftvollem Flügelschlag in die Luft erheben, jedoch stellte sich dieser Gedanke in der Umsetzung als nicht mehr praktikabel heraus. Schwerfällig absolvierte sie viel nutzloses Geflattere und es blieb nicht aus, dass sich Hulda doch sehr zu wundern begann. Ihr Flugvermögen war entschwunden! Sie hatte zwar viel gefressen und dabei ganz beträchtlich ihr Bruttogewicht erhöht. Das war jedoch nichts Neues, sie hatte bis jetzt immer abheben können, selbst nach dem opulentesten Mahl, wenn auch mit höherem Energieaufwand. Jetzt aber bot ihr das vom Container-Inhalt verklebte Gefieder keinen Luftwiderstand mehr an, so dass alle Flugversuche einfach nicht gelingen wollten. Diese erschreckende Erkenntnis wurde lediglich durch die Einsicht gemildert, dass sie zumindest nicht würde verhungern müssen.

Ihr angestrengtes Bemühen blieb den dort arbeitenden Menschen glücklicherweise nicht verborgen. Sie hörten die Flügelschläge und trafen in dem Behälter zu ihrem großen Erstaunen ein quittegelbes Exemplar der Gattung Vögel an, das den Gedanken nahe legte, dem nächsten Zoo entflogen zu sein, hielt doch das heimische Federvieh kein Tier in diesem Farbton bereit. Was Hulda noch nicht begriffen hatte, war nur zu offensichtlich: Der Behälter enthielt die Reste von Curryhühnchen-Fleisch. Die Gewürzmischung hatte Hulda vom Schnabel bis zur Spitze des Schwanzes sattgelb durchgefärbt. Eine Tönung, die ihr nicht übel stand und ihr eine höchst interessante und ausgefallene Note verlieh. Doch was nützt einer Möwe alle Extravaganz, wenn sie nicht mehr fliegen kann? Nein, das war wahrlich nicht das Gelbe vom Ei, Hulda wünschte sich dringend zurück in ihr normales Möwenleben ohne Curry-Panade. Vorsichtig wurde sie geborgen und einer Tierklinik zugeführt. Nach mehreren Vollwaschgängen näherte sich ihr Erscheinungsbild der bekannten Möwen-Optik wieder erkennbar an, es blieb lediglich ein deutlicher Gelbstich übrig. Umweht von sanftem Curry-Duft, konnte sie in die Freiheit entlassen werden. In dieser Saison wird Hulda durchgängig Zartgelb tragen müssen, bis sie dann die nächste Mauser wieder zurück in das Sinnbild der klassischen Möwe verwandelt.

Karin Tamcke

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