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Nicht schlecht, Herr Specht!

Nicht schlecht, Herr Specht!

Ich kann ihn hören. Und schon vom Zuhören wird mir schwindelig. Man stelle sich das vor: Stundenlang mit dem Kopf gegen den harten Stamm! Und das ohne den kleinsten Schmerz.

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Quelle: Rainer Jensen

Er ist mal wieder da. Das Ganze umgerechnet auf Mensch? Gehirnerschütterung, Notarzt. Doch der Specht hat vorgesorgt. Hat sich Stoßdämpfer einbauen lassen. Biegsame Gelenke und kräftige Schnabelmuskeln. Die federn den Aufprall ab. Und so kann er ungestraft hämmern und hobeln. Zwanzig Schläge pro Sekunde. Nicht schlecht, Herr Specht!

Täglich taucht Herr Specht in meinem Garten auf. Ein bunter Farbklecks zwischen den anderen Vögeln. Er klopft die Fichten und Apfelbäume nach Insekten ab, meißelt sie aus der Rinde. Und im Herbst erntet er meine Nüsse. Professionell hämmert er Kerben in die Äste und fixiert darin die Nüsse, um sie in Ruhe aufzuklopfen. Nach Beendigung der Mittagspause fliegt er zurück in seine Wohnung. Die liegt schräg gegenüber. Und darüber bin ich von Herzen froh. Nicht weil ich ihn nicht mag, sondern aus anderen Gründen. Fragen Sie meinen Nachbarn.

Im vorletzten Sommer war es, da isolierte der sein Haus, ließ von außen dicke Hartschaumplatten anbringen. Als alles fertig war, erstrahlte das Haus in neuem Weiß und innen war es gemütlich warm. Mein Nachbar freute sich. Doch er freute sich nicht allein. Da war noch jemand, dem kam das Ganze wie gerufen. So eine schöne Fassade! Da konnte man es mal probieren als Wohnungssuchender. Höflich klopfte er an. Es klang wie hohler Baum. Das war Musik in seinen Ohren. Er klopfte und trommelte weiter. Berauscht vom vielversprechenden Klang, hatte er sich am Abend eine kuschelige Höhle in die neue Dämmung gehämmert. Man ahnt es schon: Wir reden von Herr Specht.

Mein Nachbar war erschüttert. Das Loch schadete nicht nur der Optik des Hauses, auch der Zweck der Isolierung wurde ad absurdum geführt. Der bestürzte Mann stopfte als erste Hilfeleistung einen Tennisball in die Öffnung. Darüber konnte der Specht nur lachen. Ungerührt wandte er sich einer anderen Stelle zu. Beim Nachbarn wuchs das Entsetzen. Nun begann ein Wettstreit. Auf der einen Seite der verzweifelte Versuch, die Löcher zuzukleistern, auf der anderen Seite ungerührter Neubeginn. Der Hausbesitzer versuchte, mit psychologischen Tricks zu kontern. Hängte Furchterregendes auf: Krähen-Attrappen aus Kunststoff drohen nun von der Wand. Der Specht war zwei Tage lang erstaunt, dann hatte er begriffen und nahm die Arbeit wieder auf.

Flatterbänder kamen zum Einsatz, der Nachbar fädelte CDs auf Schnüre und ließ sie im Winde schweben. Der Specht rückte nur ein Stückchen weiter und meißelte eine neue Höhle. Die Hauswand bekam allmählich den Look eines Schweizer Käses. In dem armen Nachbarn kamen ungute Gefühle hoch. Die suchten ihn nachts als schlimme Träume heim, in denen er, man darf es kaum erwähnen, dem Vogel den Hals umdrehte. Doch selbst aus diesen Träumen wurde er unsanft geweckt. Denn mit der Morgendämmerung kommt unweigerlich der Presslufthammer.

Manchmal macht der Specht eine Pause. Dann herrscht drüben ein bisschen Ruhe. Eine Hauswand, und mag sie auf einen Buntspecht noch zu anziehend sein, ist wenig ergiebig im Hinblick auf Insekten. Die hocken unter der Rinde der Bäume, und die findet er in meinem Garten. Damit können wir uns arrangieren, der Specht, die Bäume und ich. Solange er mein Haus verschont... Obwohl er auch hier schon fehlgeleitet klopfte. Er versuchte sich an der Terrassenbegrenzung. Die besteht aus ehemaligen Bahnschwellen. Diese alten Schwellen geben das Morsche zwar vor, sind im Grunde ihres Holzes aber hart wie Stein. Das war sogar dem Specht zu viel, nach dem ersten Erstaunen war ihm die Empörung ins Gesicht geschrieben. Um seinen kräftigen Schnabel legte sich ein missmutiger Zug. Doch schließlich hat er die Schwellen nicht nötig. Da fliegt er doch lieber wieder zum Nachbarn und haut dort weiter auf den Putz.

Der arme Mann ist nun zum Anwalt gegangen. Den Specht kann er leider nicht belangen. Der steht unter Naturschutz, da ist nichts zu machen. Deshalb versucht er es beim Händler des Dämmmaterials. Ein Akt der Hilflosigkeit. Den Specht ficht das alles nicht an. Der hämmert weiter. Mit zwanzig Schlägen pro Sekunde. Wirklich nicht schlecht, Herr Specht!

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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