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Niedlich heißt nicht friedlich

Niedlich heißt nicht friedlich

Da sitzen sie und sehen mich an. Trotzig. Beleidigt. Zwar bin ich Sieger geblieben. Doch der Sieg war schwer erkämpft. Nun hab ich die Aufgabe, meine Gegner zu versöhnen.

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Quelle: André Kempner

Mit dicken Möhren, Apfelschnitzen. Leicht machen sie es mir nicht. Ich bin wieder mal die Böse. Kaninchen können so nachtragend sein. Dabei meine ich es nur gut. Soll ich sie Winterstürmen und Eis und Schnee aussetzen? Nein. Und daher immer das gleiche Spiel. Die Mümmler wechseln aus ihrem Sommercamp ins Haus und reden kein Wort mehr mit mir.

Kaninchen sind lauffreudige Tiere. Es bricht mir das Herz, wenn ich irgendwo welche in winzigen Käfigen hocken sehe. Unsere sollen laufen, buddeln, toben. Deshalb besitzen sie große Gehege. Eins im Garten für die Sommermonate. Die kalte Jahreszeit verbringen sie im Komposter, der im Wintergarten steht. Nicht dass wir Kaninchen kompostieren. Die Elemente von Metall-Kompostern lassen sich beliebig erweitern und zu Luxus-Ausläufen zweckentfremden. Hier können die Langohren hoppeln, mümmeln und, durch das Gitterwerk guckend, teilnehmen am Familiengeschehen. Nie wieder würde ich diesen Profi-Nagern den unkontrollierten Zugang zur Wohnung erlauben. Außer Betrieb gesetzte Computer durch angebissene Kabel, die Visitenkarte ihrer Vorderzähne in Möbeln und abgefressene Tapeten bis zu Kaninchen-Reichhöhe erforderten höchsten Handlungsbedarf. So niedlich sie sich auch geben, im Grunde sind sie kleine Rabauken.

Mit den ersten warmen Tagen beginnt die Karnickel-Frischluft-Saison. Sie übersiedeln in ihren Gartenzwinger und erfreuen sich viele Monate an absoluter Freiheit. Sie erschnuppern mit ihren Näschen die Düfte des Frühlings, des Sommers, des Herbstes. Hören dem Gesang der Vögel zu. Gehen ihren Geschäften nach. Gestalten das Gelände nach ihren Vorstellungen neu. Graben Tunnel und Gänge in den Sand, bis der Auslauf komplett durchlöchert ist und aussieht wie ein Schweizer Käse.

Sie leben unbekümmert und frei und verlieren dadurch sämtliche Streichelqualitäten. Frohen Herzens verwildern sie fröhlich vor sich hin. Bis dann im Spätherbst der Termin kommt zum jährlichen Almabtrieb. Ich suche dafür einen Tag aus, wo mein Wille stark, mein Gemüt ausgeglichen und meine Konstitution erholt und kräftig ist. Mental gut vorbereitet und ausgerüstet mit Tragekorb, Spaten und hohen Gummistiefeln, mach ich mich auf zum Karnickelfang. Oh ja, sie wissen schon Bescheid. Irgendwie ahnen sie es. Mein erster Schritt in ihren Zwinger – und sie sind weg. Verschwunden in einer der zahlreichen Röhren. Und schon stecke ich ebenfalls drin. Bis über beide Knie. Die trügerisch feste Oberfläche trägt nur mümmelnde Leichtgewichte. Während mir der Sand in die Stiefel rinnt und ich versuche, mich aus den Fallgruben zu befreien, sehe ich ihre Nasen aus einem Erdloch wittern. Klar, sie wollen ihren Triumph erleben, mit eigenen Augen sehen, wie ich feststecke im Dreck. Sie tänzeln wieder raus aus ihren Höhlen, machen kichernd Männchen.... und freuen sich diebisch über mein Bemühen, sie zu fassen zu kriegen. Immer wieder einbrechend, versuche ich mit dem Spaten, die Schlupflöcher zuzuschaufeln und ihr unterirdisches Gangsystem zu blockieren, dabei stets begleitet von der Sorge, die Biesterchen dabei zu verschütten oder beim ständigen Einbrechen versehentlich auf sie zu treten. Doch nicht dass sie meine Fürsorge zu honorieren wissen. Sie flitzen kreuz und quer durchs Gehege mit Kaninchen-Höchstgeschwindigkeit. Ihre Botschaft ist ziemlich klar: Freiwillig kriegst du uns nie! Kaum glaub ich sie griffbereit zu haben, schlagen sie lässig einen Haken. Ich hechte hinterher wie ein unglückseliger Torwart, der keinen einzigen Ball hält.

Irgendwann arbeite ich einen Vorteil heraus. Ein Mensch ist zwar relativ langsam, aber sie haben nur kurze Kaninchenbeine. Und die werden allmählich müde. Früher oder später ist es soweit. Sie kommen in Bedrängnis, sitzen in einer Ecke – und lassen sich endlich greifen und unter wildem Gestrampel in die vorgehaltene Box reinschieben. Erst eins, dann das andere. Ende des Kaninchen-Rodeos, zumindest für dieses Jahr.

Und nun sitzen sie im Komposter und sehen mich verdrossen an. Etliche Tage wird es dauern, bis sie wieder versöhnt mit mir sind. Und wenn sie endlich erwägen, sich zu Schmuse-Hopplern umzuformen, dann wird es erneut an der Zeit sein, ihnen die Freiheit zu geben bei Licht und Luft und Sonnenschein. Bis zum nächsten Almabtrieb. Und in mir schlummert die vage Hoffnung, dass sie die lange Zeit nutzen werden, um endlich die Wandlung zu vollziehen zu vorschriftsmäßigen Kaninchen: Nicht nur nett und niedlich zu sein, sondern vor allem auch friedlich. Karin Tamcke

Karin Tamcke

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