Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Tiergeschichten Noch einmal Glück gehabt
Mehr Deine Tierwelt Tiergeschichten Noch einmal Glück gehabt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:32 26.04.2017
Quelle: Stephan Konjer
Anzeige

Er hatte gut geruht, nun schüttelte er das Gefieder auf, diese braun gemusterten Federn, die ihn so umhüllen, dass sein Aussehen an die Borke der ihn umgebenden Bäume erinnert. Er trägt quasi einen Tarnanzug, der ihn optisch mit der Umgebung auf praktische Weise verschmelzen lässt. Optimiert wird die Verkleidung noch durch hellere Sprenkel auf den flaumigen Federn, die den Eindruck unterstützen, dass lediglich die Sonne durch die Blätter des Waldes auf einen harmlosen Baumstamm scheint. Es muss ja nicht jeder Fressfeind sehen, dass da ein Waldkauz hockt. Denn er ist selber nicht nur Jäger, sondern leider auch Beute, das lässt sich nun mal nicht mehr ändern.

Jetzt aber war er wach und blinzelte in die Runde. Die Welt zeigte sich in schönster Ordnung. Er breitete seine Schwingen aus und mit lautlosem Flügelschlag, den er so gut beherrscht, machte er sich auf die Suche nach dem Abendessen für sich und seine Ehefrau. Denn Frau Kauz saß bereits auf den Eiern und war daher unabkömmlich. Bald fing er die erste Maus und kurz darauf die zweite und die dritte und die vierte. Die Nacht schien sehr ergiebig zu werden, die Fangquote war schon mal schlechter gewesen. Er trug die Mäuse pflichtbewusst zur Bruthöhle in dem alten Baum. Die hatte er sorgfältig ausgesucht und seiner Liebsten vorgestellt, denn die letzte Entscheidung, was das Kinderzimmer angeht, trifft nun einmal immer sie. Sie sind schon ein älteres Ehepaar, sind einander sehr vertraut und in Treue verbunden, so lange, wie beide leben. Jedes Jahr aufs Neue finden sie sich zusammen zur Reproduktion ihrer Art. Nun flog er mit seiner Beute zu ihr, stolz kündigten seine Rufe jedes Mal den Jagderfolg an, woraufhin sie ihm in froher Erwartung ein kleines Stück entgegen flog. An die eigene Verpflegung dachte er ganz vorbildlich erst, als sie wieder zufrieden auf den Eiern saß, und fing sich noch schnell ein paar Mäuse. Und da die Nacht bislang so erbaulich gewesen war, entschloss er sich aus reiner Lebensfreude zu einer letzten Flugrunde vor dem Morgengrauen. Hätte er das doch lieber gelassen! Denn was nun kam, war die reinste Katastrophe.

Hatten ihn die Jagderfolge übermütig werden lassen? Oder war es Leichtsinn? Sträfliche Nachlässigkeit? Zumindest war es seine Schuld und daher peinlich genug, denn er ließ die wichtigste Regel, als wildes Tier immer wachsam zu sein, vollkommen außer Acht. Unbeschwert und gedankenlos überquerte er die viel befahrene Straße. Er kann in der Nacht doch gut sehen und hören. Warum hatte er trotzdem das Auto nicht registriert? Müßig, darüber nachzudenken, es war nun einmal geschehen. Zum Glück gab es keinen frontalen Crash, er hatte eher im rechten Winkel den großen Transporter gerammt. Ein Bums – und er wurde ohne sein Dazutun auf die Ladefläche katapultiert und landete zwischen ein paar Maschinen. Benommen blieb er sitzen. Nachdem er sich etwas berappelt hatte, versuchte er aufzufliegen, doch er musste bemerken, dass das nicht so einfach ging. Das war nun eine Situation, die er noch nicht kannte und auf deren Bekanntschaft er auch keinen großen Wert legen mochte. Was tun? Verwirrt blieb er vorerst sitzen. Ihm brummte der Schädel, das Denken und das Handeln fielen ihm deshalb umso schwerer. Doch dann stoppte das Fahrzeug plötzlich, der Strahl einer Taschenlampe streifte suchend über die Ladung, machte auf einem Vogel halt, der aussah wie die Borke alter Fichtenstämme, behandschuhte Hände ergriffen behutsam den blinden Passagier und trugen ihn ins Fahrerhaus.

Die Männer, auf dem Weg zur Arbeit, hatten den Aufschlag gehört und mit Schlimmerem gerechnet. Auf keinen Fall aber mit einem funktionsuntüchtigen Kauz. Ein Anruf im nächsten Tierhospital sicherte einen Termin für den kleinen Patienten. Der saß derweil, in einen warmen Pullover gehüllt, mit auf dem Beifahrersitz und zeigte durch lautes Klappen des Schnabels sein Missvergnügen an, das ließ er sich nicht nehmen und es war auch mehr der Verpflichtung geschuldet, als Wildtier gegen den engen Kontakt mit seinen Rettern aufzubegehren. In der Klinik stellte man lediglich eine Gehirnerschütterung fest und dass nichts gebrochen war. Glück gehabt! Er blieb zwei Tage dort, dann konnte er zurück in den Wald. Seine hungrige Frau erwartete ihn sehr ungehalten, was verständlich ist. Beichtete er sein Malheur? Es ist nicht nachzuprüfen.

Karin Tamcke

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Soll ich oder soll ich nicht? Für die Klärung dieser Frage beansprucht Frodo stets eine geraume Weile. Jede Forderung an ihn muss er gut prüfen und durchdenken, bevor er ihr nachkommt. Oder auch nicht. Er ist kein feuriger Araber, der übersensibel auf das kleinste Zeichen reagiert, sondern ein nettes Fjordpferdchen mit bedächtigem Gemüt und ausgeprägtem Dickkopf.

28.03.2017
Tiergeschichten Tiergeschichten - Gutes Karma

Wenn sich Krishnamurta ihr Dasein so betrachtet, dann kann sie mehr als zufrieden ein. Es gibt für sie überhaupt nichts zu meckern. Trotzdem meckert sie den lieben langen Tag, doch ist das leicht zu entschuldigen. Krishnamurta meckert, weil andere Lautäußerungen ihr leider nicht gegeben sind

28.03.2017

Sie war wie immer auf der Suche nach Futter gewesen. In der nahen Fleischfabrik fanden sich immer ein paar verstreute Brocken neben den Abfallkübeln. Dabei geschah es, dass Möwe Hulda die Balance verlor und in den Behälter fiel. Als sie sich satt gefressen hatte, war ihr Flugvermögen entschwunden - sie konnte nicht mehr abheben.

28.02.2017
Anzeige