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Non parlo tedesco

Non parlo tedesco

Da sitzt er nun in seinem Käfig. Das graue Gefieder aufgeplustert, die Füße umschließen fest die Stange, die Augen schielen listig. Er, Coco, der verlorene Sohn, lange schmerzlich vermisst und nun wieder heimgekehrt.

Quelle: André Kempner

Den krummen Papageienschnabel scheint ein Lächeln zu umspielen. Ein hintergründiges, wissendes Lächeln. Doch es tritt kein Laut aus, Coco hat Sendepause. Was mag er wohl so denken? Und: In welcher Sprache mag er denken? Ahnt er, dass sich sein Besitzer gerade das Hirn zermartert? Dass alles für den ein Rätsel sein muss? Ja, in dem ganzen Glück dieses unergründliche Rätsel. Und Coco ist nicht kooperativ, nichts trägt er dazu bei, sein Geheimnis zu lüften. Doch scheint er nicht unfroh darüber, wieder zuhause zu sein.

Wie lange ist es her? Drei Jahre und ein paar Monate. Da hatte den Graupapagei eine Lust gepackt. Die Lust auf das Abenteuer. Er nutzte die Gunst der Stunde, als das Fenster offen stand. Nie vorher war geschehen, was an diesem Tag passierte. Es hatte auch zuvor offene Fenster gegeben. Und nie war es Coco eingefallen, diesen Umstand zu nutzen. Er zeigte sich so anhänglich und seinen Menschen zugetan und ohne das kleinste Interesse an eigenen, fremden Wegen. Bis auf den bewussten Tag. Er hatte auf dem Käfig gesessen, einen langen Monolog geführt, er konnte das ausgezeichnet. Er sprach schon immer klar und deutlich und situationsbezogen. Er verlangte verbal nach dem Frühstück, Obst wünschte er sich und Rosinen. Dann narrte er die Familie, indem er das Telefon klingeln ließ, und bellte den Nachbarshund in die Flucht. Ja, Coco besaß ein Sprachtalent, wie viele Graupapageien.

Er war in die Familie nicht als junger Vogel gekommen, er brachte eine Vorgeschichte und aus der Vergangenheit bereits einen großen Wortschatz mit und neben kompletten Sätzen in akzentfreiem Deutsch sogar ein paar lateinische Brocken, das gab ihm etwas Intellektuelles. Allerdings war man besser bedient, nicht darauf hereinzufallen auf den gelehrten Touch. Denn Coco zeigte sich als Schlitzohr und zu seinem Sprachfundus zählten auch ein paar deftige Worte, die man besser nicht wiedergibt. Doch sein Besitzer war amüsiert und hatte seine große Freude an dem grauen Vogel, der so intelligent und so unterhaltsam war. Bis es dann passierte. In einem langen Flug segelte Coco aus dem Fenster und hinaus ins Freie. Nicht einmal auf die Fensterbank mochte er sich vorher setzen. Nichts sollte den Drang nach Freiheit bremsen. Er flog bis zu der Birke, machte einen kurzen Halt, dann entfernte er sich weiter, heraus aus dem Sichtbereich, und verlor sich in der Ferne. Kein Rufen erreichte ihn mehr, sollte ihn auch nicht erreichen, Coco wollte nichts mehr hören.

Nachforschungen jeglicher Art brachten kein Ergebnis und damit auch keinen Coco zurück. Der Papagei blieb verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Die Trauer um ihn endete nie, in den Gedanken der Familie war er immer präsent. Und dann geschah es, mehr als drei Jahre später, dass viele Kilometer weiter ein Vogel aufgegriffen wurde und im Tierheim landete. Ein etwas zerrupfter Graupapagei. Er gab weder seinen Namen noch eine Adresse an, sagte im Grunde gar nichts. Doch er trug einen Mikro-Chip unter seinem Gefieder und der wies ihn einwandfrei als einen gewissen Coco aus. Schnell war die Verbindung hergestellt und ein glückseliges Herrchen konnte seinen vermissten Vogel endlich wieder zu sich holen.

Dann geschah diese seltsame Sache. Nach einer längeren Schweigephase öffnete Coco seinen Schnabel und begann zu reden. Doch was er da von sich gab, war kein lupenreines Deutsch mehr. Es war überhaupt dein Deutsch. „Non parlo tedesco", schickte er seinem Besitzer entgegen. Dem käme das Ganze spanisch vor, wäre es nicht Italienisch gewesen, was da aus dem Vogel perlte. Lange italienische Sätze reihten sich aneinander und schufen eine Sprachbarriere, denn sein Herr beherrscht nur Deutsch. Und der arme Mann zermartert sich seitdem das Hirn, was inzwischen geschehen sein mochte. Wieso hat der Papagei seine Muttersprache vergessen? Hockt vielleicht gar kein Coco im Käfig? Nicht sein geliebter und vertrauter Vogel? Jedoch spricht der Chip dafür. Der Krummschnabel selbst schweigt sich feixend aus und so wird man sein Geheimnis vermutlich nie lüften können.

Karin Tamcke

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