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Tiergeschichten Sag mir, wo die Schuhe sind...
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14:00 18.02.2012
Quelle: André Kempner
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waren es nur Kleinigkeiten, keinem war etwas aufgefallen. Dann aber nahm Balko eine Freiheitsberaubung an einem unbescholtenen Schuh vor. Er entwendete ihn und vergrub ihn im hintersten Winkel des Gartens. Es war einwandfrei eine gegen fremdes Eigentum gerichtete Straftat, so würden es Juristen formulieren. Denn selbstverständlich gehörte der Schuh nicht in Balkos Besitz, sondern hatte bis dahin ein erfülltes Dasein am linken Fuß des Altbauern geführt. Balko lebt auf einem Bauernhof, er hat somit Zugang zu einem großen Areal. Ein schwarzer Labrador ist er, lieb und höflich allen gegenüber. Deshalb darf er sich frei bewegen. Nur während der Erntezeit, wenn die Traktoren unaufhörlich mit Anhängern voller Rüben und Kartoffeln auf den Hof einfahren, wird Balko zu seinem eigenen Schutz in einem Zwinger gesichert. Ansonsten stromert er durchs Gelände und kassiert die Arbeitskräfte nach Streicheleinheiten ab. Deshalb hatte ihm auch niemand etwas Verwerfliches zugetraut. Nicht einmal, als sich das Vergehen offenbarte, wäre jemand auf den braven Balko verfallen.

Der Altbauer vermisste also einen Schuh. Einen guten schwarzen Lederschuh. Der rechte stand verlassen da und wirkte recht einsam und nutzlos ohne seinen Gefährten. Der Opa wird vergesslich, dachte die Schwiegertochter und half ein wenig beim Suchen. Wer weiß, wohin er ihn verlegt hat. Doch das Suchen half weder dem Altbauern noch dem Schuh. Man hätte im Garten graben müssen. Wenig später verschwanden weitere Schuhe. Meistens einzelne, manchmal auch gleich das komplette Paar. Von den Arbeitern, den Bauersleuten, den Kindern. Ab und zu sah man Balko etwas im Maule tragen. Doch da er öfter etwas trug, meistens waren es Stöcke und Holzscheite, die er gerne benagte, achtete niemand weiter darauf. Er sah ja auch so unschuldig aus. Dass in ihm kleptomane Kräfte wirkten, darauf wäre keiner gekommen. Bis zu jenem Tag, als man ihn in flagranti erwischte. Ihn beobachtet hatte bei befremdlichem Verhalten.

Die Bäuerin war im Garten, um ein bisschen Schnittlauch für das Mittagessen zu schneiden, da sah sie ihren Hund, wie er sich anschickte, etwas einzugraben. Es war kein Knochen, wie man vermuten könnte, sondern ein leuchtend rotes Etwas, das sie unschwer als ihren Schuh identifizierte. Sie entwendete dem Hund die Beute und grub, von einem Verdacht befallen, an der von Balko favorisierten Stelle nach. Und ein Schuh nach dem anderen kam ans Tageslicht, auch der vermisste linke des Opas. Balko war sofort geständig, das konnte man positiv bewerten. Was jedoch war zu tun, um ihn künftig abzuhalten von diesem fehlgeleiteten Treiben? Ein einfühlsames Gespräch brachte keinen Erfolg. Die wirksamste Maßnahme war, für ihn die Quelle versiegen zu lassen. Der Umkleideraum, der auch sämtliches Schuhwerk barg, wurde nunmehr fest verschlossen. Das Problem schien damit gelöst. Zur Zufriedenheit der Bauersleute und sämtlicher auf dem Hof Beschäftigten. Nur nicht zu der des Hundes. Sein Lebensmittelpunkt hatte einen Knick bekommen.

Es bedurfte einer Alternative. Und die fand sich recht schnell. Zunächst fiel auch hier niemandem etwas auf. Balko ging sehr geschickt vor. Dann kamen die ersten Beschwerden. Sie kamen aus der Nachbarschaft. Es ging um die Mülltonnen, die, zum Entleeren bereit, am bewussten Wochentag an der Straße standen. Beziehungsweise hätten stehen sollen. Denn sie standen nicht aufrecht da, sie lagen vielmehr auf der Seite und ließen ihren Inhalt bunt verstreut aufs Pflaster quellen. Man hatte sich anfangs gewundert. Dann hatte das Wundern ein Ende, Balko war beobachtet worden. Er war gesehen worden, wie er sich gegen die Tonnen stemmte und solange stemmte, bis die Müllbehälter dem Druck nicht mehr gewachsen waren, in die Horizontale gingen und dem Hund ihr Innenleben darboten, das er zufrieden durchwühlte. Suchte er nach weiteren Schuhen? Balko reagierte verschwiegen. Als Wiederholungstäter bekam er keine Bewährung mehr. An den Tagen der Müllentleerung kommt er regelmäßig in Gewahrsam. Er verbleibt so lange im Zwinger, wo er die Tat überdenken kann, bis das Rumpeln des Müllautos das Ende der Haft ankündigt.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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