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Schlitzohr-Schnucken

Schlitzohr-Schnucken

Sie sind das Produkt ihrer Erziehung, es ist nicht zu verkennen. Verhätschelt, verwöhnt und ausgestattet mit mäßiger Arbeitsmoral, jede schnöde Gans macht den Job perfekter.

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Quelle: Jens Büttner

Wenn Katrin das Ergebnis betrachtet, dann fragt sie sich, was überwiegt: Belustigung oder Verzweiflung. Doch sie weiß genau, dass sie die Schuld daran trägt.

Zu ihrem alten Resthof gehört ein verwildertes Wiesenstück. Daher kam sie eines Tages auf die geniale Idee, die Fläche von Hilfskräften pflegen zu lassen. Von ganz speziellen Kräften, die, so dachte sie sich das, bei freier Kost und Logis die Arbeit willig leisten würden. Waren sie nicht ausgewiesen als verbissfreudigste Landschaf-Rasse? Ihr Fokus bei der Nahrungsaufnahme würde sich nicht ausschließlich auf zartes Gras konzentrieren, auf englisch gepflegtes Rasengrün, sondern auch dornige Büsche einschließen. Und da sich der Wildwuchs auf dem Gelände in freudiger Ausdehnung befand, schaffte sie sich kurzentschlossen ein paar Heidschnucken-Lämmer an. Selbstverständlich war ihr klar, dass die Lämmer im Zustand der Kindheit noch keine Hilfe darstellen konnten, sie beanspruchten im Gegenteil einen beträchtlichen Pflegeaufwand, den Katrin ihnen auch zukommen ließ und noch sehr viel darüber hinaus. Sie war um sie besorgt, fütterte sie von Hand, las ihnen jeden Wunsch von den hellen Schlitzaugen ab, registrierte dabei aber nicht die ausgeprägte Schlitzohrigkeit. Bald waren die Schafe erwachsen und stark genug für den Mähdienst. Daher vertraute ihnen Katrin die Wartung der Wiese an, führte sie geduldig ein in die neue Pflicht.

Doch nun zeigte sich das Ergebnis ihrer milden Aufzucht. Selbst nach der Einarbeitungszeit fraßen sie nur mäßig vom Gras. Statt die Wiese zu mähen, mähten sie Katrin lautstark die Forderung nach Futter entgegen. Erwarteten die Vollverpflegung wie zu Lämmerzeiten. Die Arbeit der Gräserkürzung überließen sie in Großmut den Gänsen und ihrer Besitzerin, die die Halme für sie schnitt und ihnen in die Raufe legte. Stattdessen büxten sie aus und reduzierten die Magnolie des Nachbarn auf einen unbedeutenden Rest. Ansonsten waren sie frohen Mutes, bildeten kräftige Hörner aus und überzogen den schwarzen Körper mit einem dicken grauen Vlies, so dass sie eines Tages die Kunst des Scherers brauchten. Da sich die munteren Tierchen zufällig im Hof verlustierten und nicht in ihrer Planung hatten, sich für den Haarschnitt greifen zu lassen, wurden sie von Katrin mit Kräuterpellets geködert und in den Pferch auf der Wiese gelockt, damit der gute Mann seines Amtes walten konnte. Damit war der Grundstein gelegt für eine entscheidende Wende.

Gern unterstellt man Schafen Dummheit, was keinesfalls gerechtfertigt ist. Die Wiederkäuer sind recht clever, die Heidschnucken jedoch gehören zur geistigen Elite. Blitzschnell hatten sie den Zusammenhang zwischen Standort und Pellets begriffen. Hielten sie sich früher gern auf der Wiese auf und kamen lediglich zum Hof, wenn Katrin Feines in Aussicht stellte, so ist es seitdem umgekehrt. Sie lungern auf dem Hof herum, machen allerhand Blödsinn und warten scheinheilig darauf, dass sie mit ein paar Pellets zurück zur Wiese geleitet werden. Dann fressen sie mit Behagen ihre Leckerchen und lachen sich ins Paarhufer-Fäustchen. Ja, sie gehen sogar so weit, das Haus und ihre Besitzerin unter Beobachtung zu halten. Zeigt sich Katrin am Fenster, trabt das Hornträger-Trio an. Sie blöken so lange vor der Tür, bis sie bekommen, was sie wollen, erst dann trollen sie sich auf die Wiese. Sie sind einwandfrei falsch programmiert.

Eines schönen Tages überspannten sie jedoch den Bogen. Es kündigte sich zum Abend ein Gewitter an. Und Katrin traute ihren Augen und Ohren nicht. Da standen die Schnucken vor der Tür und forderten blökend den Einlass. Nun war es mit Katrins Geduld vorbei. Sie dachte an Heidschnuckenherden, die bei Wind und Wetter durch die Landschaft ziehen, sich auf den Abfraß konzentrieren und keinesfalls bei Gewitter in die gute Stube möchten. Als robust und genügsam werden sie überall beschrieben. Ihre Schafe dagegen benahmen sich wie Mimosen, wie verwöhnte Diven. Bis jetzt hatten die Schafe sie erzogen, nun wurde es Zeit für die Umkehr. Sie verlas den Schnucken ihre Rechte, aber auch die Pflichten, und trieb das Trio in den Stall.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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