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Tiergeschichten Seid umschlungen, Millionen
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18:16 11.10.2017
Quelle: Karl-Josef Hildenbrand
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Ein Garten kann, neben der ganzen Arbeit, auch etwas Feines sein. Entspannt wandele ich über die Wege, betrete die satte Rasenfläche, spüre das weiche Gras unter meinen Füßen, erfreue mich an der Farbenpracht der Blumen, die besonders im Herbst noch einmal alles geben wollen, streife zwischen Büschen hindurch, ahne durchaus nichts Böses – und dann: Bäh!!! Das ist der einzig treffende Laut, der mir sofort entfährt. Etwas Unangenehmes wischt mir plötzlich durchs Gesicht, klebrige dünne Fäden schlingen sich um mich. Sie fesseln mich, umgarnen mich mit Haut und Haaren, heften sich an meine Kleidung, lassen mich nicht mehr los.

Es ist in jedem Jahr das Gleiche. Kaum ist der Herbst gekommen, sind sie wieder da. Nein, ich habe nichts gegen Spinnen, das ganze restliche Jahr leben wir einträchtig nebeneinander, sei es im Garten oder im Haus. Ich setze sie sanft vor die Tür, wenn sie sich in den Räumen verirren, lasse sie im Freien ihre Gespinste weben, bewundere sogar ihre Kunst, ansonsten stehe ich ihnen recht neutral gegenüber. Doch nun werden sie penetrant. Diese zarten Gebilde, gerade noch von mir bestaunt, sind plötzlich überall, umschlingen alles und jeden. Sie umgarnen Fliegen, Mücken und Menschen. Seid umschlungen, Millionen. Sozusagen. Sie nehmen den ganzen Garten ein, nirgendwo bin ich vor ihnen sicher. Ahnungslos tappe ich hinein in ihre klebrigen Fallen. Sie lauern auf der Terrasse auf mich, zwischen Bäumen, im Schuppen, selbst im Gehege meiner Kaninchen. Es ist kein beglückendes Gefühl, wenn sich die Fäden um mich winden, die Netze an mir haften bleiben, womöglich noch mit Inhalt. Denn selbst wenn keine Spinne auf mir krabbelt, werde ich das Gefühl nicht los, dass sie es trotzdem tut.

Es ist auf jeden Fall eine schlechte Zeit für Arachnophobiker, was ich zum Glück nicht bin. Doch ein so enger Körperkontakt wird auch von mir nicht angestrebt. Eine Spinne auf Kuschelkurs erzeugt kein gutes Gefühl. Und schließlich bin ich auch weder Fliege noch ein anderes Insekt, also kein Objekt der Begierde. Unser enger Kontakt hat folglich für die Spinne keinen spürbaren Mehrwert. Dass ich ihr Netz ruiniere, stört sie vermutlich wenig, denn schon am nächsten Tag hat sie ein neues gespannt, auf dass sich alles in ihm verheddern möge. Doch woher kommt nun so plötzlich diese ganze Invasion? Eigentlich ist es logisch. Im Frühjahr vermehren sich die paar Spinnen, die den Winter überdauert hatten. Der Spinnennachwuchs ist ja noch so klein. Und kleine Spinnen basteln sich auch nur kleine Netze. Nun ist die Spinnenkindheit vorbei, die niedlichen Spinnchen sind erwachsen. Teilweise riesige Exemplare schielen auf mich herab. Und entsprechend sind die Netze. Und nicht nur mich selbst halten sie gerne umwickelt. Ich habe ein altes Haus mit einigen baulichen Schwächen. So klemmt das Schloss meiner Eingangstür, was mich dazu bewogen hat, seit längerer Zeit nur noch den Nebeneingang zu nutzen. Wie war ich doch erstaunt, als ich neulich mehr durch Zufall in die Nähe des Haupteingangs kam und dort feststellen musste, dass die Tür fast verschwunden war, völlig zugesponnen durch ein Heer von fleißigen Spinnen. Ein dichtes Netz von Fäden zog sich von einem Pfosten zum anderen, spannte sich über die ganze Fläche. Ich kam mir vor wie Dornröschen, nur dass dort die Mauern von Rosen überzogen waren, was zweifelsfrei ein schönerer Anblick gewesen sein dürfte. Was wird wohl der Briefträger vermutet haben, wenn er meine Post durch den Briefschlitz schob, sich jedes Mal mühsam den Zugang durch das Gespinst der Fäden bahnend? Hatte er gedacht, ich würde mein Haus durch die Fenster verlassen?

Doch nicht nur im Garten machen sich die Spinnen mit ihren Netzen mausig. Neulich ging ich durch die Feldmark und mitten auf dem Weg wehte mir ein klebriger Faden entgegen. Es war natürlich eine Spinne, die sich hier verlustierte. Quasi eine Spinne beim Bungee Jumping. Spinnen laufen nicht über die Straße, um einen Weg überspannen zu können, sie machen es sich viel bequemer. Sie produzieren einen langen Faden und lassen sich per Wind-Taxi auf die andere Seite treiben. Der Transfer klappt ausgezeichnet, es sei denn, man kommt ihnen in die Quere. Und schon hängt man wieder drin. Doch dann kam der Moment, da wurde ich entschädigt für die ganze Plage. Ich sah am frühen Morgen etwas wirklich ergreifend Schönes. Ich sah ein großes Spinnennetz, in dem noch Tautropfen hingen. Wie kostbare kleine Diamanten funkelten sie in der Sonne. Bei diesem umwerfenden Anblick konnte ich plötzlich allen Spinnen in meinem Garten verzeihen.

Karin Tamcke

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