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Seine typische Handschrift

Seine typische Handschrift

Er demonstriert es bei jeder Gelegenheit. Murkel ist wild und urwüchsig. Vielleicht stecken sogar Wildkatzen-Gene in ihm. Aussehen und Verhalten legen das fast nahe.

Er ist kein Schmusekater. Er lebt in einer intakten Familie, wird von allen geliebt. Doch hat man auch dort die Spielregeln zu beachten, will man mit ihm harmonieren. Murkel bestimmt, wann er zugänglich ist. Nicht jederzeit kann man mit seinem Wohlwollen rechnen. Sein Lieblingsplatz ist ein Kissen auf der Fensterbank. Dort entspannt er nach einer aufregenden Nacht in den Gärten der Umgebung. Und wenn er sich hier zum Schlaf niederlässt, verbittet er sich jegliche Störung. Zuwiderhandlungen werden blitzschnell bestraft, Murkels Krallen stehen für eine deutliche Handschrift. Deshalb respektiert man seine Auszeit und lässt ihn in Frieden, wann immer er es verlangt. Außerhalb dieser Ruhephasen gibt er sich umgänglicher, jedoch immer selbstbestimmt. Und Fremde sollten ganz die Finger von ihm lassen. Mag auch der Name Murkel noch so Kuscheliges verheißen. Der Kater hat die Erwartungshaltung, die verknüpft war mit der Namensgebung, vollständig korrigiert.

Doch auch Tigerkater, und mögen sie noch so wild tun, müssen ab und zu zum Arzt. Folglich stand für Murkel die nächste Impfung an. Da sich der Katzenkorb partout nicht auffinden ließ, wurde Murkel auf dem Arm der Tochter ins wartende Auto verfrachtet. Die Fahrt über war er aufmerksam, dunkle Ahnungen stiegen empor, je näher er der Praxis kam. Die Erinnerung an den Behandlungstisch, an das unangenehme Gefühl von kaltem Metall unter den Pfoten, war noch allzu präsent. Und der Einstich der hinterhältigen Spritze hatte sich ebenfalls in seinen Gedächtnisspeicher gegraben. Als das Auto vor der Praxis hielt und er sicher war, zum Schafott getragen zu werden, entwand er sich mit Leichtigkeit den ihn umschließenden Kinderarmen. Dann verschwand er im nächsten Garten und von dort im Nirgendwo. Das Rufen von Mutter und Tochter erreichte ihn nur noch von ferne und schließlich gar nicht mehr. Murkel war verschwunden.

Das Entsetzen der Menschen ist vorstellbar. Damit hatten sie nicht gerechnet. Obwohl man ihnen den Leichtsinn nun wirklich nicht absprechen konnte. Sie kannten doch ihren Kater. Und vor einer Tierarztpraxis wird selbst die sanfteste Mieze zum explodierenden Fellball, wenn das die Rettung verspricht. Doch alles half nun nichts, der Kater war weg und nichts deutete darauf hin, dass er eine Rückkehr auch nur in Erwägung ziehen würde. In Trauer fuhr man wieder nach Hause, dann wurde die Suche eingeleitet. Überall an den Bäumen klebte bald Murkels Steckbrief. Annoncen wurden geschaltet, eine Postwurfsendung im ganzen Distrikt verteilt. Doch offensichtlich hatte niemand den abgängigen Kater gesehen. Die Zeit verging, die Hoffnung schwand, die Trauer um Murkel blieb.

Ein halbes Jahr später war es, da ereignete sich drei Dörfer entfernt eine erstaunliche Geschichte. Eine Frau, nennen wir sie Frau S., hatte Besuch von einer Freundin bekommen. Als man gemütlich beim Kaffee saß, fielen kräftige Kratzspuren am Arm der Besucherin auf. Tiefe rote Linien, die so unübersehbar waren, dass sie die Frage nach sich zogen, ob in deren Haus neuerdings eine Katze wohne. Nein, die gebe es nicht, jedoch im Garten einen fremden Kater, der seit kurzer Zeit täglich um Futter ersuche. Doch zeigte er sich beim Versuch, ihn zu streicheln, reichlich undankbar. Da fiel Frau S. der Postwurfzettel ein, den sie, aus welchem Grund auch immer, aufgehoben hatte. Die Beschreibung passte genau auf den vermissten Murkel. Sie tätigte einen Anruf unter der angegebenen Nummer. Dann ging alles seinen richtigen und höchst erfreulichen Gang. Es war tatsächlich Murkel. Der geliebte und lange verschollene Murkel! Ohne seine typische Handschrift auf dem Arm der Frau hätte man vielleicht nie mehr zueinander gefunden.

Die Frage an den Kater, wo er so lange gewesen war, erübrigte sich bei ihm, er hätte auch keine Antwort gegeben. Er war in präsentablem Zustand, hatte in der Zwischenzeit gut für sich gesorgt. Nach der glücklichen Heimkehr ruht Murkel nun wieder entspannt auf seiner Fensterbank und alles scheint zu sein wie zuvor. Doch hat nun sein schroffes Verhalten eine völlig neue Bedeutung für die Menschen in seiner Familie.

Karin Tamcke

KarinTamcke

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