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Spiegelfechterei

Spiegelfechterei

Jemand klopfte an die Fensterscheibe. Doch niemand war zu sehen. Was Olaf etwas verwunderte. Hatte er sich geirrt? Doch wieder klopfte es. Unüberhörbar. Dann sah Olaf den Verursacher des Lärms.

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Quelle: Rothermel Winfried

Es klopfte. Ein Vogel war es. Ein kleiner grauer Vogel mit großen schwarzen Knopfaugen und leuchtend rotem Lätzchen: Ein Rotkehlchen ist leicht zu erkennen. Es flog gegen die Scheibe und stieß dabei mit dem Schnabel kräftig gegen das Glas. War der Vogel noch ganz bei Trost? Olaf identifizierte das als reichlich seltsames Verhalten. Welchen Reim sollte er sich darauf machen? Futter gab es im Vogelhäuschen gleich drei Meter weiter. Die Scheibe hatte nichts Nahrhaftes zu bieten. Doch die Suche nach Futter schien auch nicht Grund des närrischen Treibens zu sein.

Die Attacken wurden heftiger und wilder, was wenig gesund aussah und auch Olaf gar nicht recht war. Zum einen störte ihn der Lärm, andererseits hatte inzwischen das Glas seine klinische Reinheit verloren. Olafs Frau ist stets bemüht, alles blitzblank zu halten. Die Fenster eingeschlossen. In den Scheiben kann man sich jederzeit spiegeln. Doch nun klebten überall Daunen, wo vorher Sauberkeit herrschte. Mittlerweile schmierte ein Schmutzfilm über die frisch geputzte Fläche. Olaf war nicht erfreut. Zumal er das Gebaren des Vogels reichlich überflüssig fand. Der gab inzwischen körperlich alles. Denn aus seiner Sicht stellte sich die Sache entschieden anders dar.

Ohne an Böses zu denken, war das Rotkehlchen entspannt in den Garten geflogen. Mit verständlicher Freude entdeckte es das Futter in dem Vogelhäuschen und machte sich bereit, die Einladung zum Essen anzunehmen. Doch dann stockte ihm der Atem. Das konnte doch nicht wahr sein! Was es zu sehen bekam, war nach seinem Verständnis ein absolutes Unding. Eine einzige Unverschämtheit. Da flog so ein frecher Artgenosse genau vor seiner Nase herum! Und das in seinem Revier! Rotkehlchen sind Einzelgänger und legen Wert darauf. Schließlich ist man kein Spatz und tritt in Horden auf. Und auch keine Amsel, die mit ihrer Häufigkeit die Gegend überflutet. Man sieht ja, was das denen bringt. Nur Zank und Streit ums Futter. Ein Rotkehlchen lässt da nicht mit sich reden. Es will Alleinherrscher bleiben in seinem Territorium. Kontakt zu seinesgleichen geht lediglich in Ordnung, wenn es zwecks Vermehrung passiert. Nun war unübersehbar Winter und keine Zeit für Vermehrung. Folglich war es angebracht, sich über den Eindringling aufzuregen. Der machte keine Anstalten, wieder zu verschwinden. Das war eine Dreistigkeit, eine unbestrittene Kampfansage.

Unser Rotkehlchen flog als deutliche Warnung einen Scheinangriff. Sein Gegenüber konterte in ebensolcher Weise. Und in dem gleichen Maße, wie sich das Rotkehlchen erboste, tat es ihm der andere nach. Das konnte man so nicht stehen lassen. Bald eskalierten die Warnschüsse zum hitzigen Gefecht. Der zierliche Vogel barst fast vor Wut. Die großen Knopfaugen funkelten in gerechtem Zorn. Wieder und wieder ging er los auf den Widersacher, der ebenfalls nicht nachließ in seinem aggressiven Treiben. Olaf, dem der Sinn des Ganzen nicht aufging, sah nur einen Piepmatz, der sich entsetzlich echauffierte und dabei unsinnigerweise gegen die Fensterscheibe flog. Das konnte nicht gut ausgehen. Weder für die Scheibe noch für den Kamikaze-Flieger. Wie konnte man den Irrsinn stoppen?

Olaf lief in den Garten, getrieben von der Hoffnung, das Rotkehlchen zu vertreiben. Mit mangelhaftem Erfolg. Kaum drehte er dem Fenster den Rücken, war der Vogel wieder da. In seiner Not band Olaf an den Fensterrahmen eine Plastiktüte, auf dass die im Wind kräftig flattere als abschreckendes Instrument. Doch das Rotkehlchen störte sich nicht daran. Es kämpfte weiter mit diesem rot belatzten Heini, der wie er nicht weichen wollte. Wie man sich denken kann, war die Erfolgsaussicht gering.

Ratlos suchte Olaf nach geeigneten Utensilien, um das Glas zu schützen, fand ein altes Teichnetz und hängte es flächig davor. Dadurch war der Bann gebrochen, die Spiegelung verschwunden und damit auch der Widersacher. Das Rotkehlchen registrierte es mit tiefster Zufriedenheit. Es fühlte sich ziemlich ermattet, jedoch erfüllt von berechtigtem Stolz. Glücklich machte es sich endlich über das Vogelfutter her.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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