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Tiffy, das Familienpferd

Tiffy, das Familienpferd

Der Tierarzt war schon bestellt für die letzte Spritze. Es sah nach Abschied aus. In ihrer Box lag Tiffy im Stroh. Sie lag da seit vielen Stunden.

. Es ist nicht gut für ein altes Pferd, wenn es lange liegt. Tiffy. Katrins Pferd.

Vor 30 Jahren, als Katrin noch ein Kind war, wurden auf dem elterlichen Bauernhof zwei Pferde in eine Liaison gebracht. Die Stute, vom Schicksal gleichsam geadelt durch einen wundervollen Körper, hätte ein prachtvolles Tier sein können, wäre das Gesamtbild nicht abgeschwächt worden aufgrund eines wenig schönen Kopfes. Im Gegenzug saß das wahrhaft edle Haupt des Hengstes auf dem Rumpf eines Milchkannenpferdes.

Nicht dass mit der Zucht übertriebene Hoffnungen verknüpft gewesen wären. Doch die Chancen auf bildschönen Nachwuchs waren trotzdem gegeben und bedurften nur der richtigen Mixtur der Gene. Doch Tiffy, schon pränatal mit Humor versehen, sortierte die Erbanlagen anders und ruinierte damit schalkhaft alle Wünsche. So wurde zu gegebener Zeit ein Fohlen mit dem plumpen Gebäude des Vaters und dem Ramskopf der Mama geboren.

Und damit nicht genug. Als hätte das Pferdchen alle Kräfte in die Entscheidung gesteckt, den Korpus auf diese Art zu formen, war es untergewichtig und winzig. Nun wäre es angebracht gewesen, umgehend zum Gesäuge der Stute zu streben und gut und reichlich zu trinken, um schnell zu Kräften zu kommen. War es ein früher Mutter-Tochter-Konflikt? Das Fohlen verweigerte nicht nur die Nahrungsaufnahme am lebensspendenden Quell, sondern auch die Hinwendung zu dem Muttertier. Versuche, die beiden zusammenzuführen, blieben ohne Erfolg. So wurde das Fohlen zum Flaschenkind. Das garantierte zwar das Überleben, doch ein Wachstum trat nur mäßig ein.

Tiffy blieb klein und zierlich und erarbeitete sich so einen Sonderstatus. Sie wurde das Familienpferd und in Katrins Obhut gegeben. Beide wuchsen gemeinsam heran. Dabei Katrin mehr als Tiffy. Das Pferd hielt eisern fest an seiner Kleinwüchsigkeit. Nichtsdestotrotz begann Katrin, ihr Pferdchen auf Rennen zu trainieren, mehr zur körperlichen Ertüchtigung von Ross und Reiterin gedacht. Denn ging man mit Tiffy auf die Bahn, durfte zumindest der Humor nicht auf der Strecke bleiben, wennschon das Pferd es tat. Tiffy trabte los, überraschend schnell im Spurt, was Hoffnungen keimen ließ. Doch dann ging ihr die Puste aus und großzügig überließ sie dem Feld den Vortritt, um mit Gelassenheit als Letzte ins Ziel zu tölten. Man kann sagen, Tiffy verlor stets und mit Würde. Mit normalen Maßstäben war sie einfach nicht zu messen. Selbst das Aufzäumen verlief nach anderen Regeln. Jedes Pferd legt Wert darauf, die Zunge übers Gebiss zu legen. Nur Tiffy nicht, sie schob ihre dickköpfig unters Metall. Obschon mit Eigenheiten reich gesegnet und durch äußere Schönheit wenig belastet, entwickelte sie ein liebenswertes Wesen, wurde anhänglich, ausgeglichen, gutmütig, lieb.

Die Jahre gingen ins Land und nicht spürbar an Tiffy vorbei. Nun war sie im Pferde-Rentenalter. Wehwehchen stellten sich ein. Und dann lag sie im Stroh und alles sah nicht mehr gut aus. Der Tierarzt würde kommen. Zum bewussten letzten Mal. Katrin sah ihr Pferd an, sah die hellwachen Augen, hörte das leise Begrüßungswiehern ... und in ihren Gedanken formulierte sich ganz von selbst ein Nein. Dieses Pferd wollte noch leben. Das konnte man nicht einschläfern lassen. Sie rief die Erntehelfer zusammen. Mittels Gurten wurde Tiffy auf die Beine gestellt, dem Tierarzt abgesagt. Erleichterung zog vorsichtig ein. Doch tags darauf lag Tiffy erneut im Stroh. Es schien keinen Zweck zu haben, länger Besserung zu erhoffen. Die Entscheidung war gefallen, der Tierarzt noch einmal bestellt.

Am Abend kamen die anderen Pferde wie üblich von der Koppel. Ihr Schnobern und Prusten drang in Tiffys Box. Wurden ihre Lebensgeister dadurch neu erweckt? Denn es geschah ein Wunder. Tiffy erhob lauschend ihren Kopf, danach den übrigen Körper – und rappelte sich hoch zum Stand.

Sie schüttelte sich einmal und nahm zierlich eine dargebrachte Möhre an. Das ist nun drei Jahre her. Blickt man heute auf die Pferdekoppel, so wird man zwischen den Artgenossen ein kleines braunes Pferdchen sehen. Mal liegt es, mal erhebt es sich von selbst. Und der Tierarzt wird sicher noch lange nicht kommen.

Karin Tamcke

Karin Tamcke

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