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Unter falschem Verdacht

Unter falschem Verdacht

Was war das für ein Geräusch, das vom Dachboden kam? Das Schaben und Kratzen und Rascheln ließ sich nicht überhören und knipste bei ihnen sofort ein rotes Warnlämpchen an, das einwandfrei besagte, dass sich über ihren Köpfen ein Geschehen entspann, das nicht zu billigen war.

Quelle: dpa

Hatte nicht kürzlich ihr armer Nachbar über einen Gast geklagt? Über einen dreisten Gast, der sich im Carport verlustierte und als Visitenkarte einen Schaden am Auto hinterließ? Durchgenagte Kabel und zerstörte Schläuche hatten sein Auto dazu getrieben, komplett den Dienst zu verweigern, was nicht verwunderlich war. Aufgrund von Erfahrungswerten konnte diese Freveltat nur einem zugeordnet werden. Einem kleinen Pelztier, das sich Marder nennt und das sich ohne Sinn und Verstand auf das Innenleben der Autos stürzt und sie in einen Zustand versetzt, den kein Fahrzeughalter auch nur annähernd gutheißen will.

Jetzt schien sich der Übeltäter unter ihrem eigenen Dach gemütlich eingerichtet zu haben, um dort auszuruhen. Bis zur nächsten Missetat. Also war ihnen klar, dass gehandelt werden musste. Sie würden die freche Einquartierung nicht ohne Gegenwehr akzeptieren. Man wollte dem Marder nicht schaden, doch wäre es für ihn angebracht, in anderen Gefilden nach einem neuen Heim zu suchen. Und das in möglichst weiter Entfernung. Schließlich stand auch das eigene Auto ungeschützt vorm Haus. Doch wie sollte man dem Untermieter die Kündigung nahebringen?

Der Markt bot viele Mittelchen auf, die eine Vergrämung versprachen. Sie kauften Anti-Marder-Sprays und Geräte zur Geräuscherzeugung, abgestimmt auf eine Frequenz, die Marder nicht angenehm finden sollten. Doch offensichtlich war ihr Marder mit Taubheit ausgestattet und schlechtem Geruchsempfinden. Das Rascheln auf dem Boden ging unvermindert weiter. Man würde stärkere Mittel brauchen. So stand bald die Idee im Raum, den Missetäter einzufangen und weit von ihnen entfernt einem neuen Leben anzuvertrauen. Der Nachbar würde ihnen für alle Zeiten dankbar sein und auch sie selbst hätten Ruhe vor störenden Mardergedanken. Der Ausführung stand nur entgegen, dass kein normal konzipierter Marder in einen Transportkorb steigt. Man würde eine Falle brauchen. Eine Lebendfalle. Die sollte den Marder überzeugen, wenn auch nicht aus freiem Entschluss.

Und so schleppten sie ein metallenes Ungetüm heran. Der lange Korpus aus Drahtgeflecht simulierte eine Röhre, die für ihn, so dachte man sich, nicht uninteressant sein dürfte. Denn kroch der nicht gerne durch alle Ritzen? Man wollte die Attraktivität durch das Einbringen guten Futters erhöhen. Sie imaginierten im Geiste den Mardergang in Richtung der reizvoll duftenden Nahrungsquelle, sahen ihn kurz verhalten, erfreut und lustvoll wittern und dann die Entscheidung treffen, die aufgrund des köstlichen Angebotes nicht anders ausfallen konnte: Er würde in die Falle traben, die Kontaktschwelle zügig berühren und den Mechanismus der Falltür aktivieren. Es klang einfach und schlüssig. Die Wahl des passenden Köders musste noch durchdacht werden.

Die Wahl fiel auf Salami. Der intensive, würzige Duft dürfte dem Raubtier gefallen. Sie warteten gespannt auf den nächsten Tag. Und mussten dann bemerken, dass die hohe Erwartung nicht zur Erfüllung gekommen war. Kein Pelztier saß in der Falle. Nur die Salami war verschwunden. Das warf Fragen auf. War der Marder ein Zauberkünstler? Wie konnte er sich die Wurst zuführen, ohne die Falltür auszulösen? Da keine Antwort kam, konnten sie ihr Glück nur ein weiteres Mal versuchen, was dann auch geschah. Mit etwas gedämpfter Zuversicht schlichen sie zur Bodentür. Und dann entdeckten sie den pelzigen Übeltäter. Auf frischer Tat ertappt, wieselte eine kleine Maus in Eile aus der Falle, wobei ihr ein Salamistück vor Schreck aus dem Mäulchen fiel. Eine Maus! Und kein Marder. Da hatten sie mit Mühe die große Falle angeschleppt. Und alles für diese kleine Maus! Sie war der lebende Unschuldsbeweis für den Verdächtigten. Gemeinsam mit ihm unter einem Dach, wäre von einer Maus keine Schwanzspitze übrig geblieben. Der Marder war zur Gänze entlastet, was die Einquartierung betraf. Die Sache mit dem Nachbarsauto war ein anderes Thema...

Karin Tamcke

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