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Tiergeschichten Wahre Freundschaft
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10:00 29.11.2016
Quelle: Harald Lange

Wenn es einen Fehlstart ins Leben gibt, dann kann Mirabelle das für sich mit Fug und Recht in Anspruch nehmen. Wobei der eigentliche Start ganz hoffnungsvoll begann, doch dann blickte ihre Mutter auf das Ergebnis ihrer frisch abgeschlossenen Produktion und beschloss spontan, dieses Kind, das da nass und hilflos im Stroh zu ihren Füßen lag, nicht in ihr Dasein aufnehmen zu wollen. Das Schaf, soeben rein biologisch Mutter geworden, weigerte sich entschieden, auch die Mutterpflichten zu übernehmen. Es verstieß ganz unbeschwert sein neugeborenes Lamm.

Das war für Mirabelle kein erfreuliches Ergebnis. Keine Liebe, keine Sorgfalt, keine Nahrung – das Leben begann für sie tatsächlich in höchstem Maße irritierend. Was blieb zu tun in diesem Fall? Der Bauer hatte keine Wahl, er stellte sich seufzend der Situation und damit der Aufgabe, die von dem Schaf verschmähten Pflichten größtenteils selbst zu übernehmen. Er trug Mirabelle ins Haus, säuberte sie, wärmte sie auf und machte ein Fläschchen bereit. Somit war die Grundversorgung erst einmal gesichert. Mirabelle hätte zufrieden sein können. Doch fehlte ihr das Entscheidende, die liebevolle Zuwendung einer fürsorglichen Mutter. Es ist schließlich nicht alles nur Futter im Leben eines Lammes. Und so trank Mirabelle zwar pflichtbewusst die Flasche leer, doch ihr Gemüt begann, sich langsam zu verdunkeln.

Zum Glück bekam es für das Verdunkeln nicht viel Zeit zugeteilt, denn bald trat etwas ein, das keiner vorhersehen konnte. Zur Familie des Bauern gehören auch Mick und Bine, zwei bellende Hausbewohner. Mick ist ein Mischling, zusammengesetzt aus den Genen des Dorfes, zumindest legt sein Aussehen diese Vermutung nahe. Man könnte auch sagen, seine Mutter hatte bei der Wahl des Gatten im Hinblick auf Herkunft und Rasse keine Qualitätsmaßstäbe angelegt. Aus dieser Nachlässigkeit war ein höchst origineller Hund entsprungen, der in der Ausformung seines Körpers die Merkmale verschiedener Rassen aufs Erstaunlichste vereinigt. Doch findet sich in reichlichem Maße in seinem Charakter wieder, was sein Äußeres an Qualität nicht aufzuweisen vermag. Bine hingegen kann von sich behaupten, ein echter Langhaardackel mit langem Stammbaum zu sein, doch macht sie das nicht überheblich. Sie und Mick ergeben ein freundliches Duo, sie sind sich sehr gewogen.

Kurz nach Mirabelles Einzug bekamen Mick und Bine Zutritt zu dem Neuzugang. War es die Verlorenheit des verstoßenen Lammes, das flehentliche Blöken? Die Hunde fühlten nach dem ersten Registrieren, Stutzen und Verwundern eine Regung im Gemüt, die sie nähertreten ließ und es dauerte nicht lange, bis Bines Zunge sorgsam über das Kräuselfell fuhr. Mick schloss sich dieser sanften Sympathiebekundung aus voller Überzeugung an. Hingebungsvoll putzten beide das Lamm und gaben ihm dadurch Zuversicht und neuen Lebensmut, der bereits im Schwinden begriffen war. So wurde der erste zarte Keim für eine Freundschaft gelegt, die sich inniger nicht hätte entfalten können.

Was war der Grund für diese tiefen Gefühle? Zwischen Hund und Lamm lag mehr Trennendes als verbindende Elemente. Mirabelle hatte nie die Technik des Bellens erlernt und die Hunde nie das Blöken. Beider Lebensformen vermochten nicht unterschiedlicher zu sein, ebenso ihr Lebenszweck. Und doch zog es die Hunde mit Macht zu dem Lämmchen hin. Weckte es mit seiner jammernden Hilflosigkeit Muttergefühle in Bine? Fühlte sich Mick als treusorgender Vater verpflichtet? War die Hinwendung zu dem Lamm das Tüpfelchen auf dem i, das letzte Quäntchen Glück, das noch gefehlt hatte für die Erfüllung ihres Daseins? Die Freundschaft zwischen dem Trio wuchs und es wuchs erfreulicherweise auch das Lamm. Bald war Mirabelle in der Lage, durch das Haus zu staksen, mit schönem Selbstverständnis flankiert von Mick und Bine. Beide überwachten treusorgend den Alltag ihres Schützlings. Das Lämmchen schlief auch nicht mehr allein, sein Lager teilten sich alle drei. Sie ruhten so dicht beieinander, in einem engen Knäuel, so dass lediglich die Fellstruktur eine Zuordnung ermöglichte. Mirabelle nahm alle Zuneigung mit großer Dankbarkeit an und erwiderte sie frohen Herzens. Bald war sie dem Säuglingsalter entwachsen und sollte endlich Kontakt mit ihresgleichen erhalten. Sie wurde der Schafherde zugeteilt. Das änderte zwar ihren Standort, nicht jedoch die Beziehung zu ihren Pflegeeltern. Inzwischen ist aus Mirabelle ein stattliches Schaf geworden. Sie lebt zwar inmitten der Herde, doch immer noch wird sie täglich von Mick und Bine besucht. Denn schließlich macht wahre Freundschaft nicht vor einer Weide halt.

Karin Tamcke

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