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Mär vom Weihnachtsmann: Schaden Eltern damit ihren Kindern?

Familie Mär vom Weihnachtsmann: Schaden Eltern damit ihren Kindern?

Für Kinder ist der Advent eine Zeit des Zaubers: mit Nikolaus, Christkind oder Weihnachtsmann. Geschenke bekommt natürlich nur, wer brav war. Das Lügen zum Thema kann man auch kritisch sehen.

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Viele Eltern lassen ihre Kinder an den Weihnachtsmann glauben. Wenn die Lüge auffliegt, ist die Enttäuschung manchmal groß.

Quelle: Robert Schlesinger

Berlin. Tausende Kinder in Deutschland fiebern in diesen Tagen Heiligabend entgegen. Sie schreiben Wunschzettel, zählen die Tage bis zur Bescherung. Je nach Region glauben sie, dass der Weihnachtsmann oder das Christkind Geschenke bringt und unbemerkt wieder verschwindet.

Den Glauben an die Existenz dieser Figuren vermitteln wohl die meisten Eltern ohne langes Grübeln. Doch es gibt Stimmen, die den Sinn dieses Lügenkonstrukts in Frage stellen.

Die Weihnachtsmann-Mär könne das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern in Mitleidenschaft ziehen, gaben kürzlich zwei Forscher im Fachblatt "The Lancet Psychiatry" zu bedenken. Das Auffliegen der Lüge lasse sich letztlich nicht aufhalten: "Kinder finden alle irgendwann heraus, dass ihre Eltern unverfroren über Jahre hinweg eine Lüge aufrecht erhalten haben", schreiben Christopher Boyle von der Universität Exeter (Großbritannien) und Kathy McKay von der Universität New England (Australien).

Die Seifenblase zerplatzt, wenn sich Eltern, ältere Geschwister oder Dritte verplappern. Welche Dramen sich dann abspielen, berichteten kürzlich Menschen dem

Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Dort war eine traditionsreiche Kindersendung ausgestrahlt worden - modernisiert und mit leichtfertigen Aussagen der Moderatorin über elterliche Schrank-Verstecke. Für viele Zuschauer ein Skandal.

Boyle und McKay zufolge stehen Kinder in solchen Situationen vor gleich mehreren Fragen: Wenn die Geschichte mit dem Weihnachtsmann gelogen war, wo haben Mama und Papa dann noch die Unwahrheit gesagt? Feen, Zauberei, selbst Gott geraten ins Wanken.

Die beiden Wissenschaftler argumentieren nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sie erinnern sich auch an die eigene Kindheit und die große Enttäuschung, als die Illusion vom "Santa" zerplatzte: "Der Zauber war gebrochen. Vorbei war es mit der Realitätsflucht, die Kinder und Erwachsene für ein paar Monate teilen. Weihnachten war nicht mehr das gleiche."

Aber ist das Lügen wirklich schädlich für Kinder? "Die Geschichte vom Weihnachtsmann ist für kleine Kinder eher eine Bereicherung", ist der Berliner Psychologe Peter Walschburger überzeugt. Grundsätzlich sieht er in Mythen, Märchen und Ritualen einen wohltuenden Gegenpol zur ansonsten rationalen Welterklärung. "Wir Menschen brauchen beides: aufgeklärtes Denken und Verzauberungen." Lügen in dieser Hinsicht haben eine lange Tradition: Mit Verzauberungen der Realität hätten Menschen seit jeher zum Beispiel Heimatgefühl, Sicherheit, Trost und soziale Verbundenheit sinnlich erfahrbar gemacht.

Auch moralische Standards wie Gut und Böse werden Kindern oft so vermittelt. Bis zum vierten Lebensjahr könnten sie noch nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, erläutert der Wissenschaftler. Erst danach seien sie in der Lage, die Perspektiven anderer Menschen zu verstehen. Dann verhielten sie sich zunehmend kritisch gegenüber ihren Eltern. Wenn Kinder Ungereimtheiten wie angeblich fliegenden Rentieren auf die Schliche kommen, sei das eine Gelegenheit zum Dialog, sagt Walschburger. "Eltern könnten dann erklären, dass es eben eine Geschichte war, die aber einen wahren Kern oder eine gute Botschaft enthält."

Für authentische Weihnachtsgeschichten anstelle von Lügen sprach sich der Religionspädagoge Albert Biesinger einmal im dpa-Interview aus: "Ich erzähle Kindern, dass wir an Weihnachten den Geburtstag von Jesus feiern. Und weil Jesus ein so großes Geschenk von Gott an uns Menschen war, haben Mama und Papa heute auch Geschenke für Dich. Das Geschenk fällt nicht vom Himmel, das bringt auch nicht das Christkind durchs Fenster - das ist von Mama und Papa und anderen, die dich liebhaben." 

Eltern, die für ihre Kinder die Illusion vom Weihnachtsmann aufbauen, haben selbst etwas davon, beobachten Boyle und McKay. Sie seien in der Lage, "in eine Zeit zurückzukehren, in der sie selbst glaubten, dass Magie tatsächlich möglich ist". Sie werden also wieder zum Kind. Ein vergleichbarer Mechanismus stecke hinter der Begeisterung Erwachsener für Kinderbücher und -filme wie Harry Potter.

Wie viele Eltern berichten, hängen Kinder selbst sehr an den Geschichten rund um Weihnachten. So sehr, dass manche im Jahr nach dem Durchschauen der Lüge so tun, als sei nichts gewesen.

dpa

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