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Aktuelles Klett Kinderbuch - Heikle Themen und unbefangene Quatschgeschichten
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15:04 20.08.2018
Verlagsleiterin Monika Osberghaus im Garten der alten Leipziger Villa, wo seit fast zehn Jahren der Klett Kinderbuchverlag zu Hause ist. Quelle: André Kempner
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Was das mit einer Art Wunschfee zu tun hat und warum sie sich mutigere Autoren und Eltern wünscht, erklärt die 55-Jährige im Interview.

Von der Journalistin zur Verlegerin, wie kam es zu dem Schritt?

Der Klett-Verlag hat mich gefragt, und zunächst habe ich abgelehnt, weil ich zwar Kinderbuch-, aber keine Verlagsexpertin war. Schließlich hat mich ein Klett-Vorstandsmitglied überredet, ein Konzept vorzulegen. Er sagte: „Denken Sie sich einen Verlag, der Bücher in Ihrem Sinne macht.“ Das war eine Wunschfee-Ansage wie aus dem Märchenbuch, der ich nicht widerstehen konnte. Nur bin ich fest davon ausgegangen, dass man bei Klett mit meinen Ideen nichts anfangen kann. Aber es kam anders.

Wie würden Sie Ihre Nische im Buchmarkt beschreiben?

Es gibt einen Mainstreammarkt, der überspitzt gesagt aus Prinzessinnen-Büchern besteht: angenehme, liebliche, harmlose Glitzer-Bücher. Die Entwicklung verschärft sich, war vor zehn Jahren aber bereits absehbar. Dem habe ich unser Programm entgegengesetzt: puren Realismus – auch schlimme Themen, die Angst machen – aus der Lebenswelt der Kinder. Alles, was Kinder interessiert und nichts, was unter pädagogischen Aspekten am Reißbrett entworfen wird. Zwei Schienen haben sich für uns herauskristallisiert: Einerseits richtig schöner Quatsch und andererseits Themen, die Kinder spannend finden, die aber manchen Erwachsenen zu heikel erscheinen. Das Konzept ist aufgegangen. Unsere Bücher fehlten offensichtlich am Markt.

Aber jenseits des Mainstreams gibt es doch freche Titel. Bücher dürfen „Der Miesepups“ heißen. Und in Klassikern tummeln sich unangepasste Figuren.

Die Klassiker sind der beste Beleg für den Zeitgeist. Sie werden derzeit oft umgeschrieben, weil sie nicht politisch korrekt sind, was ich für eine ungute Entwicklung halte. Offenbar traut man Kindern nicht zu, gewisse Dinge selbst einzuschätzen.

Textstellen wie der „Negerkönig“, der bei Pippi Langstrumpf diskutiert wird?

Ja, oder auch veränderte Bilder bei der „Kleinen Hexe“, wo aus einem Jungen, der sich als „Negerlein“ verkleidet, ein Messerwerfer wird, und aus einem Kind, das sich als Türke verkleidet, ein Cowboy. Otfried Preußler hat diese Änderungen wohl noch abgesegnet. Was Astrid Lindgren zu den Pippi-Änderungen gesagt hätte, kann man nicht wissen, sie war ja ein sehr freier Geist.

Auch beim „Sams“ ging es an die Bilder.

Das ist eine andere Bewegung: Viele Figuren erfahren in den Illustrationen eine schleichende Verschlankung, was ich furchtbar finde. Auf diese Weise geht die Unbefangenheit verloren, die ich zu bewahren versuche. Die Figuren werden zurechtdesignt, so dass sie zu den heutigen Wünschen der Erwachsenen an die Kinderwelt passen. Aus der Autorenszene vernehme ich Klagen über Vorgaben der Verlage, wie eine Figur beschaffen sein soll. Früher wurde freier erzählt, ohne Scheuklappen oder Schablonen.

Auf wen reagieren die Verlage: auf veränderte Wünsche der Kinder oder der Eltern? Paul Maar sagt, Kinder lachen an den gleichen Stellen wie vor 40 Jahren.

Kinder sind einfach immer Kinder mit ihrem wunderbar derben Sinn für Komik und Dramatik. Sie haben ihre Ängste und Wünsche und ihren oft hinreißend erwartungsfrohen Zugang zur Welt. Ich glaube, da hat sich nicht viel geändert. Aber der Umgang von Erwachsenen mit Kindern allgemein und in der Folge mit Kinderliteratur, der ist ängstlicher. Es findet ein prophylaktisches Rundum-Beschützen statt, als ließe sich jede Gefahr fernhalten. Darauf reagieren Verlage, denn die Käufer sind Erwachsene.

Hätten Klassiker wie „Räuber Hotzenplotz“, wären sie noch nicht erschienen, als Neuheit eine Chance?

Ich hoffe es, denn sie haben eine unglaubliche Kraft. Eigentlich warten wir Verlage auf solche Manuskripte. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob „Pippi Langstrumpf“ durch alle Sicherheitsschleusen hindurch käme.

Sie sagen, Sie warten auf solche Manuskripte. Es fehlt am Angebot?

Insgesamt gibt es zu wenig mutige jüngere Kinderbuchautoren mit einer eigenwilligen Stimme und mit Themen und Geschichten, in denen Kinder von heute ihr eigenes Leben erkennen können. Ich weiß nicht, ob man das lernen kann, aber es existiert keine Institution dafür. Und so lange die Geschichten fehlen, machen wir eben witzige, freche oder ungewöhnliche Sachbücher.

Zum Beispiel?

In ein paar Tagen erscheint „Die Kackwurstfabrik“, ein Titel aus den Niederlanden, der die Verdauung erklärt – eine Art „Darm mit Charme“ für Kinder. Oder das Buch „Im Gefängnis“, das ich zusammen mit meinem Mann Thomas Engelhardt geschrieben habe. Wie so oft waren wir auch hier sicher, dass alle Kinder sich dafür interessieren, nicht nur die Betroffenen. Dennoch müssen wir mit so einem Thema erst an den Eltern vorbei. Ähnlich ging es uns mit „Klein“ von Stina Wirsén. Ein Bilderbuch über ein kleines Wusel, das unter dem Streit der Eltern leidet, Hilfe braucht und findet. Wenn man es liest, steigen einem unweigerlich Tränen in die Augen. Der Buchhandel hat es nicht angenommen, aber diesen Titel fanden wir so wichtig, dass wir dafür eine Facebook-Aktion starteten. Inzwischen ist es in der dritten Auflage und steht in vielen Kindergärten. Für mich ist das Buch ein kleiner Lehrgang in Empathie, deshalb gefällt es auch Kindern so gut, die nicht betroffen sind.

Und in der Belletristik, mit welchem Ihrer Bücher lässt sich Ihre Nische gut charakterisieren: Mit der „Böckchen-Bande“ von Bjørn F. Rørvik und Gry Moursund?

Ja, das ist Anarchie pur, rasant und komisch. Dennoch verkauft sich das Buch nicht gut, weil die Bilder den erwachsenen Kunden zu wild sind. Unverdrossen übersetze ich gerade den dritten Band, der im Altersheim spielt. Ein herrliches Setting für ein witziges Bilderbuch – traut sich sonst auch keiner!

In Norwegen ist es ein Bestseller. „Klein“ kommt aus Schweden, „Die Kackwurstfabrik“ aus den Niederlanden. Ist man anderswo experimentierfreudiger?

Zumindest in Skandinavien wird der Kinderliteratur mehr Bedeutung zugemessen. In Norwegen etwa kaufen die Büchereien alle Neuerscheinungen, womit ein Teil der Auflage bereits gesichert ist. Auch in Österreich werden unabhängige Verlage staatlich gefördert. Das alles erlaubt mehr Mut und Experimentierfreude, was wiederum den Blick der Leser schult. Letztlich geht es aber nicht darum, was besonders avantgardistisch ist, sondern was Kinder wollen. Und das ist oft wilder, freier und herausfordernder, als man denkt.

Interview: Dimo Rieß

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