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Aktuelles Überforderte Eltern lernen in WG das Leben mit ihren Kindern
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08:39 06.11.2018
In der Wohngemeinschaft für Babys und Mutter/Vater-Kind(er) erklärt Heimerzieherin Kornelia Stein (M) Manuel und seiner Frau Shiva, die Flaschenaufbewahrung für ihren Sohn. Quelle: Waltraud Grubitzsch/dpa

Die Spülmaschine in der Gemeinschaftsküche ist kaputt. Was alle Eltern mit Babys nervt, trifft Manuel in der Wohngemeinschaft «Bula» in Leipzig besonders hart. Der 33-Jährige muss das Geschirr und die Fläschchen für seinen fünf Monate alten Sohn Eric per Hand spülen. Als hätte er nicht schon genug Probleme. Die WG in dem Plattenbau im Westen der Messestadt ist für ihn die letzte Chance, wenn er sein Baby behalten und die Familie retten will.

Hilfe zur Selbsthilfe

«In der eigenen Wohnung gab es mit meiner kranken Frau immer wieder Streit, wir waren völlig überfordert mit dem Familienleben», erklärt Manuel. Bevor etwas Schlimmes passiert, alarmiert er den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Er nimmt die angebotene Hilfe zur Selbsthilfe an und zieht Anfang August mit seinem «kleinen Prinzen», wie er Eric nennt, in die neu geschaffene WG «Bula».

Fünf junge Mütter und Manuel teilen sich die große Wohnung im Erdgeschoss, die Frauen haben Alkohol- oder Drogenprobleme, eine ist gesundheitlich beeinträchtigt. Jeder WG-Bewohner hat ein Zimmer mit Bad, Bett, Schrank, Schreibtisch und Kinderbettchen. «Das Ziel der Einrichtung ist es, die Eltern zu befähigen, selbst für ihre Kinder zu sorgen», sagt die Geschäftsführerin der Generationenhof gGmbH, Sina Gado, die auch die WG ins Leben gerufen hat.

Ein Sozialpädagoge ist rund um die Uhr in der WG als Ansprechpartner, es gibt sogar einen aktiven Nachtdienst. «Wir müssen anfangs darauf achten, dass die Eltern auch wach werden, wenn das Baby schreit, helfen bei der Zubereitung der Fläschchen und geben Tipps beim Wickeln», erklärt Gado. Zwei Jahre dürften die überforderten Eltern maximal in der Wohngemeinschaft bleiben. «Wir haben aber das Ziel, die Eltern nach einem Jahr in die Eigenständigkeit zu entlassen.» Dabei hilft auch eine Familientherapeutin.

Toleranz und Akzeptanz lernen

Es gibt ein Gemeinschaftswohnzimmer mit Sofa und Spielecke aber das eigentliche WG-Leben spielt sich in der Küche ab. «Das ist die Hauptkampfzone», erläutert Teamleiterin Kornelia Stein. Hier sollen die Eltern Toleranz, Akzeptanz und Kompromissbereitschaft lernen. Ein Dreierteam ist täglich für den Einkauf, das Essen und Abspülen verantwortlich. Das ist gar nicht so einfach für junge Menschen, die in der Vergangenheit wenig Rücksicht auf andere genommen haben und plötzlich wieder in einer Gemeinschaft leben.

Immer wieder kommt es zu lautstarkem Streit oder auch bedrohlichen Situationen. «Ich bin beeindruckt, dass es bisher zu keiner körperlichen Auseinandersetzung zwischen den Bewohnern gekommen ist», betont Stein. Mithilfe der Pädagogen lernen sie aus den Konflikten. «Manuel ist schon jetzt in der Lage, selbst aus Auseinandersetzungen herauszukommen. Die Bewohner lernen immer mehr miteinander klarzukommen.»

Das Jugendamt finanziert das Projekt, kommt für Miete, Betreuung und Lebensunterhalt der Bewohner auf. Die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft hat die lange leergestandenen Räume umfangreich saniert, Sach- und Geldspenden helfen beim alltäglichen Bedarf, sorgen für Ausflüge und Weiterbildung der Mitarbeiter.

Ein neues Zuhause

Insgesamt haben derzeit 46 Kinder und Jugendliche in sechs Wohngemeinschaften der Generationenhof gGmbH ein neuen Zuhause gefunden. «Der Bedarf ist groß in einer Stadt wie Leipzig», erklärt Geschäftsführerin Gado.

In Leipzig werden nach Angaben der Stadt derzeit 65 Kinder bis zum dritten Lebensjahr mit einem Elternteil in speziellen Einrichtungen betreut. Vor drei Jahren waren es lediglich 45 Kinder. Dabei stellen betroffene Eltern einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung. Wird diesem stattgegeben, finanziert das Jugendamt die Freien Träger der Jugendhilfe zu 100 Prozent.

Wie viele Eltern in Sachsen insgesamt auf Grund unterschiedlichster Überforderungen einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung stellen, ist dem Familienministerium nicht bekannt. Es sei aber immer das Ziel, die Möglichkeiten der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie zu verbessern, heißt es auf Anfrage. Dies kann wie im Generationenhof Leipzig in möglichst familiennahen Settings passieren oder auch durch gezielte Elternarbeit während der Heimerziehung.
Die Geschäftsführerin der Generationenhof gGmbH, Sina Gado, lebt mit ihrer Familie in einem Mehrgenerationenprojekt nahe Leipzig. Elf Erwachsene von 38 bis 79 Jahre wohnen auf dem Vierseitenhof. Zudem werden dort sieben Kinder rund um die Uhr betreut, deren Eltern nicht in der Lage waren, sie zu versorgen. «Auf dem Hof profitieren alle Generationen voneinander», sagt sie. Die Älteren seien in eine Art Großelternrolle geschlüpft und die Kinder lernten, wie sich ein intaktes Familienleben anfühle.

Manuel ist dankbar für den Platz in der WG. Das Zusammenleben mit den anderen Müttern sei zwar nicht so einfach. «Aber ich habe auch zu Hause gemerkt, dass es nicht so läuft, wie es laufen sollte», sagt der 33-Jährige. Er zeigt sich motiviert, arbeitet mit und nimmt an sämtlichen Therapiesitzungen teil. Er hat ein klares Ziel vor Augen. «Ich will nicht, dass mir Eric weggenommen wird.»

Von André Jahnke, dpa

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