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Ratgeber 40 Jahre künstliche Befruchtung
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15:43 25.07.2018
Louise Brown (M) bei einer Veranstaltung zum 40-jährigen Jubiläum der In-Vitro-Fertilisation. Quelle: Joe Giddens/PA Wire
Bristol

Für ihre Eltern war Louise Brown ein kleines, für die Welt der Medizin ein großes Wunder. Als sie 1978 durch einen Kaiserschnitt nahe Manchester das Licht der Welt erblickte, druckten Zeitungen rund um den Globus ihr Foto auf die Titelseiten.

Der erste durch In-Vitro-Fertilisation gezeugte Mensch spaltete die Gesellschaft und sorgte vor allem bei den Kirchen für viel Kritik. Am 25. Juli wird Louise Brown 40 Jahre alt.

Ihr Leben verdankt sie streng genommen dem Glück ihres Vaters John. Mutter Lesley wurde auf natürlichem Wege nicht schwanger, eine Fruchtbarkeitsbehandlung war für die Arbeiterfamilie unbezahlbar. Kurz vor der Abfahrt in einen kurzen Sommerurlaub hatte John wie so häufig einen Wettschein der in Großbritannien beliebten Sportwetten "Football Pools" ausgefüllt. Als das junge Paar nach Hause zurückkehrte, fand es einen Scheck über 800 Pfund im Briefkasten.

Nach neun Jahren vergeblicher Versuche, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen, investierten die Browns das gewonnene Geld in künstliche Befruchtung - eine Methode, die erst kurz zuvor entwickelt wurde. 1969 war dem Cambridge-Physiologen Robert Edwards gemeinsam mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe die erste In-Vitro-Fertilisation (IVF) einer menschlichen Eizelle gelungen.

Neun Jahre später waren es dieselben zwei Mediziner, die Lesley Brown eine Eizelle entnahmen, diese im Reagenzglas befruchteten und der Mutter bei einer Operation wieder einsetzten. "Bis sie bereits ein paar Monate schwanger war, wusste sie überhaupt nicht, dass die Methode komplett neu war und noch nie zuvor funktioniert hatte", sagte Louise Brown der Deutschen Presse-Agentur über ihre 2012 verstorbene Mutter.

38 Wochen später war es dann soweit: Am 25. Juli um 23.47 Uhr (Ortszeit) hallte das Schreien von Louise durch die Flure des Oldham General Hospital, das eine gute halbe Stunde vom Zentrum Manchesters entfernt liegt.

Die Boulevardzeitung "Daily Mail", die sich die Exklusivrechte von Mutter Lesley gesichert hatte, nannte Louise das "Superbaby" - weltweit war damals vom ersten Retortenbaby die Rede. Mehr als 100 Journalisten belagerten das Haus der Familie in Bristol, nachdem Mutter und Tochter aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Die Browns erhielten unzählige Grußkarten. Doch es gab auch schockierende Reaktionen: In einem Paket, das sie von einem radikalen Katholiken bekamen, fanden sie einen Plastik-Fötus und ein zerbrochenes Reagenzglas, wie Louise Brown in ihrer Autobiografie schreibt.

Das war nicht die einzige Schmähung, der die junge Familie ausgesetzt war. Der Vatikan kommentierte, die Geburt habe "sehr schwere Konsequenzen für die Menschheit", der katholische Erzbischof von Liverpool nannte sie "moralisch falsch". Trotz aller Kritik erhielt der Mediziner Robert Edwards 2010 den Nobelpreis. Bis heute kamen Schätzungen zufolge weltweit zwischen sechs und acht Millionen Menschen durch In-Vitro-Fertilisation zur Welt. Laut der britischen Zeitung "The Guardian" werden in manchen Ländern 3 bis 6 Prozent aller Babys durch künstliche Befruchtung geboren.

Louises Eltern reagierten offensiv auf die Kritik und tourten mit der bei der Geburt 2600 Gramm schweren und 49 Zentimeter großen Tochter durch Fernsehstudios und Talkshows. Sie wollten allen zeigen: Louise ist ein ganz normales Kind. In den ersten Jahren nach ihrer Geburt war das Mädchen der Dauerbrenner in Medienhäusern weltweit. Dann zog sich die Familie zurück, um ihrer Tochter ein normales Leben zu ermöglichen.

Trotzdem ist Louise Brown bis heute ein Star. "Ich habe es ja nie anders gekannt. Die Medienaufmerksamkeit war immer dieselbe. Spätestens zu jedem runden Geburtstag wieder. Manchmal ist es komisch, darüber nachzudenken, dass so viele Menschen weltweit meinen Namen kennen", sagt sie.

Auch heute nimmt Louise Brown noch regelmäßig Termine von New York bis Tokio wahr. Eine Veranstaltung zu ihrem 40. Geburtstag in Barcelona besuchten rund 12.000 Mediziner, im Februar 2017 sprach sie vor dem Europäischen Parlament. Trotzdem führt sie eigentlich ein ganz normales Leben. Sie arbeitet als Büroangestellte in einer Speditionsfirma und lebt mit ihrer Familie in Bristol. Ihre beiden Söhne wurden auf natürlichem Wege gezeugt. Manchmal wünsche sie sich noch ein drittes Kind, sagt Brown. Und das würde sie, wenn nötig, auch mit künstlicher Befruchtung bekommen.

dpa

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