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Ratgeber Doppelbelastung und Leistungsdruck: Auszeit mit Kind kann helfen
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12:59 08.11.2018
Joachim Richter genießt im Gesundheitszentrum Grünhain-Beierfeld die Auszeit gemeinsam mit seinem ältesten Sohn. Quelle: Georg Ulrich Dostmann

Joachim Richter aus Netzschkau im Vogtland hatte immer wieder Schwindelanfälle. „Mir ging es so schlecht, dass ich sogar arbeitsunfähig geschrieben wurde“, sagt der 34-Jährige. Die Ursache war Stress – im Beruf als Projektmanager und privat beim Hausbau.

„Als Familienvater ist man ja heute nicht mehr nur der Geldverdiener. Auch meine Frau ist so wie ich voll berufstätig. Da müssen wir uns in die Erziehung unserer beiden Söhne und in die Hausarbeit teilen“, sagt er. Doch am Abend fehle dazu oft die Kraft. „Die Kinder sind müde, man selbst ist ungeduldig. Das ist nicht einfach.“

Auch Richters älterer Sohn zeigte Stresssymptome. Nachts knirschte er mit den Zähnen. „Da verarbeitet er seinen Tag“, sagt der Vater. Von der Möglichkeit einer Vater-Kind-Kur hat er durch einen Kollegen erfahren. Doch die Suche nach Angeboten war schwierig. Denn es gibt zwar ein Müttergenesungswerk, aber kein Vatergenesungswerk.

In der Arbeiterwohlfahrt fand er schließlich einen Ansprechpartner. „Ich habe mich für das Gesundheitszentrum in Grünhain-Beierfeld entschieden, weil es in der Nähe liegt. Meine Frau und unser Jüngster konnten mich damit leichter besuchen“, sagt Richter. Sein ältester Sohn fuhr mit zur Kur.

Bei Stress und Leistungsdruck kann eine Mutter-/Vater-Kind-Kur helfen. Quelle: pixabay.com

Die Klinik

Der Stuhlkreis im Kurgarten ist ein Blickfang im Awo-Gesundheitszentrum im erzgebirgischen Grünhain-Beierfeld. Ein schönes Ambiente für Gespräche und Entspannung. Nebenan erwärmen sich Männer und Frauen fürs Nordic Walking. Es wird gelacht, die Stimmung ist gut.

Mutter-/Vater-Kind-Kuren gelten als Vorsorgemaßnahme. Seit 2007 sind sie Pflichtleistung der Kassen. Deutschlandweit gibt es 133 Kurkliniken. Mehr als die Hälfte gehört dem Müttergenesungswerk an, ist aber nicht nur Müttern vorbehalten.

Die meisten Kliniken gibt es in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern – in Ländern mit Bergen oder Meer. Diesen Standortvorteil haben die zwei sächsischen Einrichtungen nicht. „Deshalb müssen wir mit Qualität punkten“, sagt Barbara Jähn, systemische Familientherapeutin im Gesundheitszentrum.

Die Diagnosen

Mütter und Väter sind heute Doppel- und Mehrfachbelastungen ausgesetzt, denn sie sind meist berufstätig oder haben nebenher noch Angehörige zu pflegen. Wird die Eltern-Kind-Beziehung zusätzlich durch Krankheiten oder Auffälligkeiten der Kinder erschwert, geraten Familien schnell an ihre Grenzen. Damit daraus keine ernsthaften psychischen oder körperlichen Erkrankungen werden, gibt es Mutter-/Vater-Kind-Angebote.

„Die Chance auf Genehmigung einer solchen Kur haben Mütter und Väter mit psychosomatischen Erschöpfungszuständen, Übergewicht oder Kopfschmerz. Auch wenn sie unter einer schwierigen oder angespannten Beziehung zum Kind leiden, eine Lebenskrise oder Trauersituation bewältigen müssen“, sagt Barbara Jähn.

Erschöpfungssymptome zeigten sich selbst bei den Kindern. Manche leiden unter Verhaltensauffälligkeiten oder Nervosität und Schlafstörungen. Übergewicht sei auch bei den Jüngsten ein Thema.

Deutschlandweit wurden letztes Jahr fast 150 000 Mutter-/Vater-Kind-Kuren genehmigt, jedoch auch 24 000 Anträge abgelehnt, sagt Claudia Widmaier, Sprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung, der auch für die Qualitätskontrolle zuständig ist.

„Die Ablehnungen erfolgten meist aus medizinischen Gründen“, sagt sie. Petra Gerstkamp, stellvertretende Vorsitzende des Müttergenesungswerkes, kritisiert die Ablehnungspraxis der Krankenkassen: „Oft werden den Müttern oder Vätern ambulante Maßnahmen empfohlen, obwohl ihnen eine stationäre Reha gesetzlich zusteht.“

Gerade ein Ortswechsel und etwas Zeit, die Eltern-Kind-Beziehung wieder zu festigen, seien in diesen Fällen wichtig. Legten die Antragsteller dann Widerspruch ein, würde in 65 Prozent der Fälle die Kur dann doch genehmigt. „Warum dann dieser zusätzliche Stress?“, fragt sie.

Die Patienten

Als 1950 das Müttergenesungswerk gegründet wurde, hatte in der Regel die Frau die Verantwortung für Haushalt, Kindererziehung und Pflege kranker Angehöriger. Für sie wurde die Mutter-Kind-Kur ins Leben gerufen.

„Die klassischen Mütter- und Väterrollen von früher gibt es heute nicht mehr. Die Väter wollen und müssen sich mit ihren Frauen heute in die familiären Pflichten teilen“, sagt die Familientherapeutin. Sie befürwortet es deshalb sehr, dass auch Männern die Kur-Angebote zur Verfügung stehen. Etwa ein Drittel pro Kur-Durchgang seien Väter mit ihren Kindern.

Der Altersdurchschnitt der Eltern liegt bei etwa 40 Jahren, Kinder können bis zum zwölften Lebensjahr mit aufgenommen werden, in Ausnahmefällen bis 14.

Adressen & Service

Diese Kliniken in Sachsen bieten eine Mutter-/Vater-Kind-Kur an:

Awo Gesundheitszentrum am Spiegelwald
Auer Str. 84, 08344 Grünhain-Beierfeld

www.mkk-gruenhain.de

DRK Kur- und Gesundheitszentrum
Haus am Jonsberg
Jonsdorf

www.haus-am-jonsberg.de

Die Therapien

Zentrales Anliegen ist die Verbesserung der körperlichen und psychischen Gesundheit. „Das ist ein weites Feld“, so Jähn. Die Männer und Frauen kommen mit Muskelverspannungen, Verdauungsproblemen, Schlafstörungen oder einem gestörten Essverhalten zu uns. Sie leiden unter dem Leistungsdruck – im Job und im Privatleben.

„In Gesprächen äußern sie häufig den vielfältigen Stress, der durch Rollenkonflikte geprägt ist. Sie äußern den Wunsch, ihre Identität als Vater wiederzugewinnen und diese nach ihren Bedürfnissen zu gestalten“, sagt Barbara Jähn.

Auch die vielen unterschiedlichen Richtungen in der Kindererziehung verunsichern. Täglich finden Einzel- und Gruppengespräche statt – bei gutem Wetter in den weißen und pinkfarbenen Stühlen im Garten.

Gelegenheit zum Austausch gibt es ebenso beim Sport, Essen oder Wandern. Viele hätten durch ihre Kinder kaum Zeit für Bewegung. Das ändert sich hier. Viele Väter und Mütter haben Übergewicht oder leiden an einem gestörten Essverhalten.

„Wir bieten Ernährungsvorträge zur gesunden, vollwertigen Küche an, auch Kochen und Einkaufen kann gemeinsam trainiert werden“, so Barbara Jähn.

Für die Kinder gibt es Möglichkeiten zur Entspannung, zur Medienabstinenz, zu kreativem Spiel und Fröhlichkeit, aber auch einen Problemlösekurs. Von morgens bis zum Nachmittag werden sie betreut und therapiert. Die Mütter und Väter haben dann Zeit für sich. Ab dem Nachmittag sind sie dann wieder mit ihren Kindern zusammen, ohne sich um Haushalt, Kochen oder Schule kümmern zu müssen.

„Das macht den Kopf frei und bietet die Möglichkeit, die Zeit danach neu zu planen“, so die Familientherapeutin.

Zu Beginn wird der medizinische Status eines jeden Teilnehmers erhoben. „Jeder formuliert drei Therapieziele. Danach erarbeiten wir die Behandlungspläne“, sagt die Ärztin Dr. Christa Leicht. Beim Abschlussgespräch werde Bilanz gezogen.

Sowohl Mütter als auch Väter sind mit ihren Kindern im Awo-Gesundheitszentrum untergebracht. Doch das Müttergenesungswerk gibt klare Regeln vor, unter welchen Voraussetzungen ein Haus neben Mutter-Kind- auch Vater-Kind-Kuren anbieten darf.

„Die Männer müssen in der Unterbringung und bei den Therapien von den Frauen getrennt sein“, sagt Petra Gerstkamp vom Müttergenesungswerk.

Die Mindestgruppenstärke ist fünf. Unter dieser Teilnehmerzahl dürfe keine Vater-Kind-Kur stattfinden, sagt sie. Außerdem müssten die Kureinrichtungen dann auch spezielle Männergesundheitsprogramme vorhalten, ebenso geschlechtsspezifische Sport- und Freizeitangebote.

Die Qualität

Seit 2015 sind Einrichtungen, die Mutter-/Vater-Kind-Kuren anbieten, in das QS Reha Verfahren eingebunden. Dieses externe Qualitätssicherungssystem macht genaue Vorgaben zur Ausstattung der Einrichtungen, zu zertifizierten Therapieangeboten und zum Personal. Hinzu kommt eine externe Befragung zur Patientenzufriedenheit.

Alle drei Jahre werden stichprobenartig Kureinrichtungen ausgewählt. So kommt es, dass einige Einrichtungen noch nicht kontrolliert wurden.

„Im September begann eine neue Befragungsrunde von 150 Kurfamilien. Sie dauert bis Oktober 2019. Die Ergebnisse liegen ab 2020 vor“, sagt Elvira Kosuch, Leiterin der Einrichtung. In der ersten Runde, die 2017 abgeschlossen war, erfüllte das Awo-Gesundheitszentrum die Qualitätsvorgaben zu 99,4 Prozent. Der Deutschlanddurchschnitt liegt bei 90 Prozent. Von den befragten Patienten waren 85 Prozent zufrieden, deutschlandweit 78.

Der Therapieerfolg

21 Tage dauert eine Mutter-/Vater-Kind-Kur, keinen Tag länger. „Da es nicht um die Behandlung von Krankheiten geht, gibt es keinen Grund für Verlängerungen“, sagt Barbara Jähn. „Sollten die Teilnehmer danach noch Beratungs- oder Gesprächsmöglichkeiten brauchen, helfen wir bei der Suche nach geeigneten Stellen.“

Die Mehrzahl verlasse das Haus voller Elan, mit guten Vorsätzen und Mut zur Veränderung. Wie Joachim Richter. „Während die Kinder vormittags in der Kindergruppe betreut wurden, hatte ich Zeit für Sport, Entspannungsverfahren und Gespräche. Das tat mir sehr gut“, sagt er. Nicht nur die Erkenntnis, dass er mit seinen Sorgen nicht der Einzige ist, auch die vielen Anregungen, wie man es anders machen kann, haben ihn inspiriert.

Von Stephanie Wesely

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