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Ratgeber Streit zwischen Geschwistern: Tipps für Eltern
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15:48 15.04.2019
Wenn zwischen Geschwistern dicke Luft herrscht, sollten Eltern nicht als Schiedsrichter, sondern als Konfliktcoach agieren. Quelle: Fizkes/Fotolia.com

Was bedeutet es für Familien, wenn sich für das Einzelkind ein Geschwisterchen ankündigt?

Nicola Schmidt: Als Eltern stehen wir vor der Herausforderung, dass jetzt nicht nur wir mit einer Situation konfrontiert werden, die wir noch nie erlebt haben, sondern auch unser Erstgeborenes. Wir haben also auch noch einen kleinen, von uns abhängigen Menschen, für den plötzlich alles neu ist. Das ist natürlich eine viel extremere Veränderung als beim ersten Kind, wo wir uns „nur“ um ein Baby kümmern mussten.

Besonders anspruchsvoll ist es zudem, wenn die großen Geschwister bei der Geburt des Zweiten jünger als drei Jahre sind. Denn Eltern haben dann auf der einen Seite ein total bedürftiges Neugeborenes und auf der anderen Seite ein Kleinkind, das sie auch noch sehr braucht. Da passiert es schnell, dass sich Geschwister als Rivalen wahrnehmen und um Aufmerksamkeit, Nahrung und Spielzeug konkurrieren.

Also ist der Zoff vorprogrammiert?

Alle Menschen haben Konflikte, warum sollte das bei Geschwistern anders sein? Aber wenn wir als Eltern gut eingreifen, streiten sie weniger und je mehr wir mit ihnen üben, desto besser lösen sie ihre Konflikte auch ohne uns.

Gibt es einen idealen Abstand für Geschwister?

Die Wissenschaft hält drei Jahre für günstig. Ich empfehle Eltern, die über weiteren Nachwuchs nachdenken, immer, sich selbst zwei Fragen zu stellen: Ist mein jüngstes Kind schon in der Lage, seine Bedürfnisse ausreichend lange aufzuschieben - ohne darunter zu leiden - damit ich die Bedürfnisse eines anderen kleinen Wesens erfüllen kann? Und habe ich dann auch noch genug Zeit für meine eigenen Bedürfnisse? Wenn man beides mit ja beantworten kann, ist ein weiteres Kind eine prima Idee.

Warum?

Geschwister lernen schon von klein auf Strategien zur Konfliktbewältigung. Unterschiedliche Interessen auszugleichen, Kompromisse auszuhandeln, dafür sind Bruder oder Schwester eine super Schule. Geschwister mit einer guten Beziehung können ein Leben lang aufeinander zählen und sich im Alter gegenseitig beistehen, wenn zum Beispiel die Eltern pflegebedürftig werden oder irgendwann nicht mehr da sind. Das sind enorme Vorteile gegenüber Einzelkindern.

Und auch für Eltern wird es mit der Zeit meist leichter mit mehreren Kindern. Wenn sich die Geschwister gut verstehen und aus dem Gröbsten raus sind, gibt es im Kinderzimmer stets einen Spielpartner. Doch ob Geschwister oder Einzelkinder glücklicher sind – das kann man so pauschal nicht sagen.

Zur Person

Nicola Schmidt, geboren 1977, ist zweifache Mutter, Gründerin des artgerecht-Projekts, Wissenschaftsjournalistin und Autorin erfolgreicher Familienratgeber.

Aber warum wird mitunter selbst um - zumindest aus Erwachsenensicht – totale Banalitäten gezankt?

Hinter vielen Streitigkeiten von Geschwistern steckt ja nicht das, worum es vordergründig geht. Oft geht es um die Fragen: Wer ist der Führer, wer darf sich durchsetzen – und wen haben Mama und Papa lieber? Beim erbitterten Kampf um das letzte Stück Kuchen spielt der Kuchen eigentlich gar keine Rolle, meist sind die Kinder eh schon satt. Stattdessen dreht sich alles um die Frage: Wenn ich das letzte Stück bekomme, haben Mama und Papa mich dann lieber? Und wenn mein Bruder es kriegt, heißt es dann, dass Mama und Papa mich nicht so lieb haben? Eltern sollten deshalb immer überlegen, was das Bedürfnis hinter dem Verhalten der Kinder ist.

Und wie reagieren Eltern möglichst gut darauf?

Das Wichtigste ist, die Kinder zu spiegeln. Das heißt, wir stellen erst einmal nur fest, was gerade passiert – ohne den Streit und die Zankhähne zu bewerten. Wir sagen „Oh, ihr streitet euch um das letzte Stück Kuchen“ statt „Jetzt stellt euch doch nicht so an“. Dann erklären wir ihnen, wie sich der andere gerade fühlt, warum er sich so verhält. „Schau mal, Tim ist traurig, weil Lisa schon beim letzten Mal das letzte Stück Kuchen gekriegt hat und jetzt will er sich rächen. Und Lisa hat das Gefühl, dass Tim sowieso immer mehr bekommt und deshalb möchte sie jetzt auf keinen Fall nachgeben.“ Die Kinder lernen so in den Kopf des anderen hineinzuschauen, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen.

Wir Eltern helfen unseren Kindern sehr, wenn wir mit ihnen gemeinsam versuchen, eine Lösung für das Problem zu finden, die allen gerecht wird. Wenn wir zum Beispiel das letzte Stück Kuchen im Einvernehmen mit den Kindern am Ende teilen, nehmen wir das ganze Drama raus und befriedigen die Bedürfnisse von beiden. Und letztlich auch unser Bedürfnis nach mehr Familienfrieden.

Wann sollten Eltern doch dazwischen gehen?

Immer wenn jemand seelisch oder körperlich verletzt wird. Dazu zählen auch verbale Angriffe. „Du blöde Zimtzicke“ ist bei mir der Punkt, an dem ich eingreife und Stopp sage. Trotzdem ist es wichtig, die negativen Emotionen der Kinder anzunehmen und zuzulassen. Auf ein genervtes „Mein Bruder ist so doof!“ sollten wir nicht mit „So etwas möchte ich nicht hören!“ reagieren, sondern besser mit „Okay, du bist gerade sehr sauer auf ihn, das ist in Ordnung. Du darfst ihn deshalb nicht beleidigen, treten, schlagen oder ihm einfach etwas wegreißen. Aber du darfst sagen, dass du sein Verhalten gerade unter doof findest.“

Was können Eltern noch für eine gute Geschwisterbeziehung tun?

Es gibt Dinge, die Eltern nicht tun sollten: Vergleichen Sie die Kinder nicht, schlagen Sie sich nicht auf eine Seite und rasten Sie nicht aus, wenn die Kinder streiten. Ebenfalls wichtig: Verteilen Sie keine festen Rollen. Denn wenn Eltern ihre Kinder in Rollen pressen, zementieren sie Persönlichkeitsmerkmale und machen es den Geschwistern unnötig schwer. Mit Aussagen wie „Du bist unser Clown“ und „Du bist unsere kleine Brave“ erziehen wir am Ende ein Kind, das unseren Erwartungen entspricht und sich albern beziehungsweise lieb verhält.

Das heißt, Eltern können ganz früh gute Grundlagen legen, indem sie überlegen, wie sie die Kinder ansprechen und wie sie Konflikte zwischen ihnen managen. Damit die Kleinen lernen, das später allein zu schaffen. Eltern dienen als Vorbild und Coach.

Das Buchcover von "Geschwister als Team - Ideen für eine starke Familie" von Nicola Schmidt. Erschienen im Kösel-Verlag. Quelle: Kösel

Wie gelingt mehr Familienfrieden in Patchwork-Familien?

Es dauert nach Forschermeinung bis zu zwei Jahre bis eine Patchwork-Familie sich gefunden hat. Die Kinder brauchen daher vor allem Zeit. Sie brauchen Rückzugsräume, die Möglichkeit zu sagen „Ich will mit denen jetzt aber nicht spielen“. Immer wenn wir ein Zusammensein erzwingen, geht es schief. Auch hier ist es wichtig, dass negative Gefühle raus können. Kinder müssen sagen dürfen „Ich finde diese neue Familie total kacke, ich will das alles nicht“.

Was brauchen die Geschwister eingeschränkter Kinder?

Da ist es wichtig, die gesunden Kinder nicht in die Rolle des Vernünftigen zu drängen. Dass wir nicht von ihnen fordern „Deine Schwester ist so krank, jetzt reiß du dich doch bitte wenigstens zusammen“. Kinder sind Kinder. Also sollten sie das auch sein dürfen. Ein Familienleben so normal wie möglich hilft allen, auch den kranken Kindern, am meisten.

Interview: Constanze Dietsch

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