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20 Jahre Randale von Rostock-Lichtenhagen: "Wir hatten Angst um unser Leben"

20 Jahre Randale von Rostock-Lichtenhagen: "Wir hatten Angst um unser Leben"

Wolfgang Richter hat die Bilder noch genau vor Augen: das brennende Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, die Angst der Menschen darin, der Hass der Menschen davor.

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Die Randale in Rostock-Lichtenhagen vor 20 Jahren waren die schlimmsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Quelle: dpa

Rostock. „Das werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen“, sagt Rostocks früherer Ausländerbeauftragter. Er war Ende August 1992 zusammen mit rund 150 Menschen, davon etwa 100 Vietnamesen, in dem Hochhaus, als Rechtsextremisten Brandsätze warfen - unter dem Beifall Tausender Anwohner und „Protesttouristen“.

Es sind die schlimmsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Rostock wird für Jahre zum Symbol für Ausländerhass. Die Amerikaner erfinden das Wort „rostocking“. „Das wäre alles zu verhindern gewesen“, sagt der heute 56-jährige Richter.

Mitten im Plattenbauviertel lag die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt) des zwei Jahre zuvor gegründeten Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, das sich noch mitten im Umstellungsprozess befand. Im Haus nebenan lebten Vietnamesen, die einst als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen waren, von den Deutschen akzeptiert.

Immer mehr Asylbewerber, vor allem vom Balkan, kamen in diesem Sommer an, oft verwahrlost, ihre Habe in einem Sack. Die ZASt war völlig überbelegt, die Menschen campierten unterm Himmel, es stank nach Unrat und Exkrementen, es gab Diebstähle und Übergriffe. Der Ärger und auch die Verzweiflung der Anwohner wuchs ins Unerträgliche. Doch Politiker schauten wochenlang hilf- und tatenlos zu und schoben sich die Verantwortung gegenseitig zu.

Die schlimmsten Tage begannen am 22. August, als sich rund 3000 Menschen vor der ZASt versammelten. Scheiben wurden eingeworfen, „Deutschland den Deutschen“ hallte durch die Nacht, genauso wie am Tag darauf. Als die Polizei jeweils in viel zu geringer Stärke anrückte, wurde sie mit Steinen und Molotow-Cocktails empfangen. Dutzende Polizisten wurden verletzt. Am 24. August wurde die ZASt geräumt, der Hass richtete sich nun ausschließlich gegen die Vietnamesen nebenan. Mehrere Wohnungen in dem Haus brannten, die Insassen verbarrikadierten sich. In letzter Minute retteten sich 150 Menschen aufs Dach. Dass niemand starb, ist Richter zufolge nur vielen Zufällen zu verdanken.

Auch Ludger war dabei, als die Steine flogen. „Ich habe verstanden, dass die Leute rausgegangen sind, das war doch kein Zustand mehr“, erinnert sich der 39-Jährige. „Das Schlimme war, dass die Vietnamesen alles abgekommen haben, gegen sie ging es ja gar nicht.“

Der heutige Chef der Polizeiinspektion Rostock, Michael Ebert, wurde als 22-jähriger Gruppenführer unvorbereitet ins Geschehen geworfen. „Wir hatten Angst um unser Leben.“ Die Polizei steckte knapp zwei Jahre nach der Wiedervereinigung noch in den Kinderschuhen. Es gab keine gemeinsame Sprache zwischen der aus dem Westen stammenden Führung und den ehemaligen DDR-Volkspolizisten, sagt Ebert, ohne das polizeiliche Versagen zu entschuldigen. Er ist überzeugt, dass eine solche Eskalation heute nicht mehr möglich ist.

„Lichtenhagen hat Mecklenburg-Vorpommern verändert, das gehört zu unserer Geschichte und wird für immer eine Mahnung bleiben“, sagt Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). Er verweist auf die Zehntausenden Menschen, die sich landesweit auch in vielen kleinen lokalen Initiativen gegen Rechtsextremismus einsetzen.

Im Sonnenblumenhaus leben heute Ausländer und Deutschen zusammen. Äußerlich erinnert nichts an 1992. „Doch die Erinnerung ist da, bei allen“, sagt Ludger.

dpa

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