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20 Jahre danach: Lothar de Maizière mit Erinnerungsbuch

20 Jahre danach: Lothar de Maizière mit Erinnerungsbuch

Beim Besuch im Weißen Haus wich ihm der Hund von Barbara Bush nicht von der Seite und ließ sich kraulen. In 10 Downing Street trank der erste frei gewählte und zugleich letzte DDR- Ministerpräsident Lothar de Maizière mit der britischen Regierungschefin Margaret Thatcher in der Küche Tee.

Berlin. Und beim ersten Treffen in Moskau mit Michail Gorbatschow erklärte der schmale Mann aus dem Osten, er komme nicht zum Befehlsempfang. Heute sind beide Freunde.

Pünktlich zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit hat Lothar de Maizière seine Erinnerungen vorgelegt. Das Buch „Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen“ erscheint an diesem Montag. Am 22. September wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) es zusammen mit de Maizière in Berlin vorstellen. Merkel war bei de Maizière 1990 Vize- Regierungssprecherin. Ihr einstiger Förderer lobt bis heute Merkels starke Logik. Sie schätzt seine Kraft zur Integration.

„Ich war kein Politiker“, sagt der heute 70-Jährige. Blitzartig wurde das langjährige Mitglied der Ost-CDU nach dem Mauerfall in die Weltpolitik gespült. Er versuchte als neuer Chef die Blockflöten-Ost-CDU umzukrempeln, wurde letzter DDR-Ministerpräsident und führte die Ostdeutschen in die Einheit. Die DDR-Bürger hätten sich in freien Wahlen für die Demokratie entschieden. „Das ist nicht in Bonn geregelt worden“, betont de Maizière.

Auch wenn etliches auf dem rasanten Weg zur Einheit nicht aufging - eine Alternative habe es nicht gegeben, ist de Maizière überzeugt. Die DDR habe nicht nur wirtschaftlich am Abgrund gestanden - die SED- Führungsspitze habe sich der Realität völlig verweigert. Immer mehr junge Menschen seien weggegangen. Doch es habe im Honecker- Sozialismus nicht nur Korruption und Kumpanei gegeben, sondern ebenso Freundschaft und Respekt.

Nach der Wiedervereinigung verschwand der zum Stellvertreter von CDU-Chef Helmut Kohl Aufgestiegene und Minister für besondere Aufgaben von der öffentlichen Bühne fast so schnell wie er gekommen war. Im Herbst 1991 legte er nach Stasi-Vorwürfen und Querelen mit der Bundes-CDU alle Ämter nieder. Er habe den Ausstieg nie bereut, schreibt der Anwalt ohne jede Bitterkeit. „Im Gegenteil, dieser Schritt gab mir ein Gefühl von innerer Freiheit“.

Ja, er habe als Anwalt mit der DDR-Staatssicherheit zu tun gehabt, um Ausreisen für inhaftierte Oppositionelle zu erreichen, schreibt de Maiziere. „Inoffizieller Mitarbeiter war ich nie, auch wenn die Stasi mich möglicherweise unter dem Decknamen ’Czernie’ geführt haben sollte.“ An anderer Stelle schreibt er sarkastisch: Wäre er IM (Inoffizieller Mitarbeiter) gewesen, hätte er wenigstens dafür gesorgt, dass der arme Pianist Carl Czerny (1791-1857) richtig geschrieben worden wäre, nämlich mit y.

Und wer aus der Freundschaft zu Gregor Gysi - sie waren in der DDR Anwalts-Kollegen - eine Spitzeltätigkeit ableite, verweigere sich den historischen Vorgängen, so de Maizière. Er war in der DDR mit Mitte 30 Rechtsanwalt geworden, nachdem er seinen Musikerberuf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Ein Amt in der Ost-CDU hatte er nie.

De Maizière blickt als Akteur detailliert, faktenreich, analytisch und ohne Eitelkeit zurück auf ein Stückchen Weltgeschichte, das ihn auch 20 Jahre später noch staunen lässt. In diesem Geschichtsbuch (Verlag Herder) werden auf mehr als 300 Seiten historische Momente lebendig - etwa als Willy Brandt bei der Einigungszeremonie vor dem Reichstag in der Nacht zum 3. Oktober 1990 vor Rührung weinte oder die dramatischen Stunden, als die Volkskammer den Beitritt beschloss.

Beschrieben wird auch das schwierige und ambivalente Verhältnis zu Helmut Kohl. Der habe sich angemaßt, für die DDR zu sprechen und ihn nicht einmal zu informieren, resümierte der letzte Ministerpräsident. Auch mit dem damaligen CDU-Generalsekretär Volker Rühe geht de Maizière ins Gericht. Der habe sogar Kontakte zwischen Ost- und West-CDU verhindern wollen. De Maizière nimmt aber in Anspruch: Auch wenn die demokratische DDR 1990 nur wenige Monate bestand, habe sie deutsche Geschichte geschrieben und zum Ende des Kalten Krieges beigetragen - auch wenn er selbst nicht populär gewesen sei.

Das Band zu Thomas de Maizière, heute Bundesinnenminister, sei auch während der Teilung nie abgerissen, ist zu erfahren. „Er war die familiäre Schaltstelle im Westen, ich im Osten“, berichtet de Maizière. Sein Cousin, damals Sprecher der Westberliner CDU, habe ihn als Neuling in der Politik mit vielen Ratschlägen unterstützt.

De Maizière findet, mit der Einheit hätte allen Deutschen klar gemacht werden müssen, dass es ein Neubeginn ist. Doch es sei nach dem Motto verfahren worden: „Im Westen nichts Neues“. Das habe nicht gut getan. Es wäre doch wenigstens ein Symbol gewesen, wenn das im Dezember 1990 gewählte Parlament den Zusatz „1. Gesamtdeutscher Bundestag“ bekommen hätte. Doch es sei einfach der 12. Bundestag gewesen.

Jutta Schütz, dpa

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