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4. September 2013 - "Soll er machen, wie es üblich ist"

4. September 2013 - "Soll er machen, wie es üblich ist"

Der Leipziger Schriftsteller Erich Loest ("Nikolaikirche") hat bis kurz vor seinem Tod Tagebuch geführt, und die LVZ hat es exklusiv veröffentlicht. Am 12. September schied er durch Freitod im Uniklinikum Leipzig aus dem Leben.

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Linde Rotta

Über die letzten Tage berichtet jetzt seine Frau Linde Rotta in der LVZ und erfüllt damit einen letzten Wunsch von Loest († 87).

4. September

An diesem Mittwoch bringt der Postbote ein Päckchen, rechtzeitig genug, dass ich es ins Krankenhaus mitnehmen kann: Dazu einen Brief: "Lieber Erich Loest", schreibt Melanie Hensel, seine Lektorin beim Steidl-Verlag, "gestern erfuhr ich erst von Ihrer Erkrankung und umso mehr freut es mich, Ihnen heute zu meinen Genesungswünschen gleich noch 'Lieber hundertmal irren' beilegen zu können. In der Hoffnung, Sie bald zu sprechen, verbleibe ich mit herzlichen Grüßen, Melanie Hensel."

Abermals finde ich Erichs Krankenzimmer leer, schlimmer: Seine Sachen sind fortgeräumt. Verstört erkundige ich mich. Erich sei auf ein Einzelzimmer verlegt worden, beruhigt man mich.

Überrascht, geradezu entzückt, nimmt er das Buch, betastet liebevoll das Papier, blättert: "Ist das eine Freude!" Seine Stimmung hebt sich um Stufen. Sofort erklärt er sich bereit zu einem Spaziergang auf dem Flur. Es wäre zu schön, verliefen alle Tage so positiv.

An seinen "guten" Tagen hält er mich auf Trab: Termine müssen abgesagt, andere neu beordert, Post erledigt, diverse Auskünfte eingeholt werden. "Ruf beim Verlag an. Pliske soll kommen und die Fotos für das Buch nach eigenem Gutdünken aussuchen." Die Fortsetzung des Loest-Tagebuchs soll im Dezember in Druck gehen.

"Und was ist mit dem Vertrag?"

"Soll er machen, wie es üblich ist."

Und: "Minke kann das geforderte Geld fürs Atelier haben, ja klar, aber er muss mir zusagen, schriftlich zusagen, dass er sich weder von der Uni noch sonstwem breitschlagen lässt, Hans Mayer und Ernst Bloch von dem Bild zu entfernen. Sie müssen drauf bleiben!" Hans Mayer, Ernst Bloch - seit kurzem ein weiterer Streitpunkt mit der Uni.

Ich telefoniere, fahre da hin, fahre dorthin, zwischendurch muss ich zur Physiotherapie, so verfliegen die Vormittage. Ein paar Bissen zu Mittag, danach ab zur Klinik - in 10 Tagen verliere ich zwei Kilo.

Einen Telefonanschluss am Bett lehnt Erich weiterhin ab, ebenso Besuche, er will, muss Ruhe haben. Striktes Verbot, die Kinder zu informieren.

"Wozu?"

Ja, wozu? Nach erheblichem Zwist, der sie mehrmals gegeneinander vor Gericht brachte (E. L. berichtete in seinem Tagebuch "Man ist ja keine achtzig mehr" ausführlich darüber), lastet seit Jahren Funkstille zwischen Vater und Sohn Thomas, Vermittlungsversuche von Bekannten scheiterten. Auch von der Tochter in Köln gibt es seit Beginn dieses Streits kein Lebenszeichen. Erich zieht daraus seine Schlüsse. Über beide wird nie wieder gesprochen, sie bleiben Tabuthema für ihn. Lediglich Robert, der Jüngste, hält sich aus allem heraus. Ab und an meldet er sich per Fax, besucht für ein Stündchen oder auch zwei den Vater wenn er zufällig in Leipzig zu tun hat - drei Mal im Jahr glückliche Momente für Erich.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.12.2013

Linde Rotta

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