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40 Jahre danach: Todesflug der IL 62 – eine Tragödie im Schatten des Kalten Krieges

40 Jahre danach: Todesflug der IL 62 – eine Tragödie im Schatten des Kalten Krieges

Königs Wusterhausen/Schönefeld. „Da war diese merkwürdige Knattern in der Luft“, erinnert sich Irmgard Horn (75). „Mein Mann sagte noch: „Da geht wohl einem die Puste aus“ - und dann knallte es.

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Flugzeuge der DDR-Fluggesellschaft Interflug. (Archivfoto)

Quelle: dpa

“ Das Flugzeugunglück bei Berlin vor 40 Jahren hat sich in das Gedächtnis nicht nur vieler Brandenburger eingebrannt. Auf dem Weg ans Schwarze Meer verloren 148 Urlauber und acht Besatzungsmitglieder der DDR-Fluggesellschaft Interflug mitten in der Urlaubszeit am 14. August 1972 ihr Leben.

Die Ursache für den Absturz unweit des DDR-Zentralflughafens Schönefeld am Stadtrand Berlins ist bis heute kaum bekannt. Dabei hatten Experten zügig Konstruktionsfehler des sowjetischen Herstellers als Unglücksursache ausgemacht. Diese wurden behoben, aber nie öffentlich eingestanden - um das Verhältnis der Staaten nicht zu belasten.

„Wir sind der schwarzen Rauchwolke am Himmel mit den Mopeds nachgefahren“, erinnert sich Dietmar Lange. Der Bahnmitarbeiter aus Wildau war 17 Jahre, als die IL 62 DM-SEA kurz nach 17.00 Uhr im Nachbarort abstürzte. Trotz großräumiger Absperrung fand er auf einer Wiese bei Königs Wusterhausen Splitter und Kabel der Maschine. Bis heute verwahrt sie der 56-Jährige in einer kleinen Zigarrenkiste - wenn man sie öffnet, riecht es noch immer nach verbrannten Metall.

Lange hat damals gesammelt, was er in die Finger bekam: Die Todesanzeige der Interflug für ihre Besatzung, die einen „wertvollen Beitrag zur Entwicklung unseres sozialistischen Luftverkehrs geleistet“ hat. DDR-Zeitungsartikel, die von einem „Regen aus Menschen und Koffern“ und später einem „ergreifenden Trauerakt“ berichten. Fotos von Särgen, aufgereiht beim Trauerakt des Ministerrats der DDR auf dem Waldfriedhof in Wildau-Hoherlehme, einem Nachbarort der Unglücksstätte.

„Der Friedhof vom Unglücksort König Wusterhausen sah damals nicht so gut aus, darum wurde unser Waldfriedhof ausgewählt“, schildert Dorfchronistin Horn. Über Nacht wurde der Friedhof in Wildau hergerichtet: „Die Volksarmee rückte mit Planierraupen an, große Bäume wurden gefällt“, erinnert sich Lange. Am Rande des Friedhofs wurde ein schwarzer Gedenkstein errichtet für die Opfer. Er trägt die Namen von 60 Insassen, deren Identität nicht mehr geklärt werden konnte und deren sterbliche Überreste in Wildau beerdigt wurden. Die anderen Opfer wurden in ihren Heimatorten bestattet.

Ihre Identifizierung war für die Rechtsmediziner ein Kraftakt, ein derartiger Katastropheneinsatz war neu: „Für eine so große Zahl von Leichen und Leichenteilen wie nach dem Flugzeugabsturz wie bei Königs Wusterhausen fehlten spezielle Transportfahrzeuge, ebenso geeignete Räume für die Lagerung mit Licht, Belüftung, Kühlung und wenigstens minimalen hygienischen Verhältnissen“, berichtet Gunter Geserick, Ex-Chef des Gerichtsmedizinischen Instituts der Charité, in dem Buch „Endstation Tod“.

Experten aus Leipzig und Halle reisten an. „Das war der erste große Flugunfall in der DDR und damit eine gewisse Bewährungsprobe“, sagt der Ex-Chef des Leipziger Rechtsinstituts, Wolfgang Dürwald (88). „Wir haben damals ohne Rücksicht auf Dienstzeit und körperliche Befindlichkeiten gearbeitet“, berichtet Rechtsmediziner Eberhard Lignitz, der damals mit 32 Jahren wohl der jüngste Arzt im Team und noch kein ausgebildeter Gerichtsmediziner war.

Die Angehörigen erfuhren von all dem damals nur sehr wenig. „Der Staat hat uns nie eine Erklärung gegeben“, schildern Angehörige in der Dokumentation „Der Todesflug der IL 62“ vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Dabei lag nach zahlreichen Tests 1973 ein klares Ergebnis der eingesetzten Untersuchungskommission vor: Ein Konstruktionsfehler hatte dazu geführt, dass es im Heck zu einem Kurzschluss kam. Da dort leicht entzündliches Enteisungsmittel lagerte, entstand ein Feuer. Dieses blieb aber unbemerkt und das Heckteil löste sich zusammen mit dem Höhenleitwerk vom Rumpf.

Doch die Unterlagen blieben unter Verschluss und die DDR-Oberen vereinbarten Stillschweigen. Sie wollten einen Konflikt mit den sowjetischen Genossen vermeiden. Die Unglücksmaschine war die erste IL 62, die die DDR für ihre Gesellschaft Interflug gekauft hatte, um ins lukrative West-Geschäft einzusteigen. Experten werten es aber als Eingeständnis, dass der Hersteller technische Veränderungen an dem Maschinentyp und bei der Wartung vornahm.

In der Öffentlichkeit hielt sich jedoch hartnäckig das Gerücht, die Maschine sei beim Durchfliegen einer selbst verursachten Treibstoffwolke explodiert. Ähnlich spekulierten West-Medien. „Die wahren Zusammenhänge und Hintergründe konnte man erst nach der Wiedervereinigung 1990 recherchieren“, sagt Hajo Henning vom Berlin-Brandenburgischen Luftfahrtclub „Otto Lilienthal“. Sein Verein hat nach der Wende dazu beigetragen, Puzzle-Teile zusammenzufügen und damit den Angehörigen Klarheit zu geben.

„Über dieses Unglück mit solch einem Ausmaß sind wir alle zutiefst erschüttert“, so DDR-Ministerpräsident Willi Stoph 1972 in seiner Trauerrede auf dem Friedhof in Wildau. Später gehörte er zu jenen, die den Angehörigen die Wahrheit verwehrten. Inzwischen liegt er nur wenige Meter von dem Gedenkstein der Absturz-Opfer auf dem Waldfriedhof begraben - neben seiner Mutter, wie Dorfchronistin Horn zu berichten weiß.

Marion van der Kraats, dpa

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